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Zwei Heilmethoden ohne Medikamente

aus Berner Zeitung vom 15.8.1995

Chiropraktik und Physiotherapie sind Heilmethoden, die Störungen im Bewegungsapparat behandeln. Für die Patienten stellt sich nur die Frage, ob für ihr spezifisches Leiden Chiropraktik oder Physiotherapie die besseren Heilungschancen bietet.

Ausbildung Chiropraktik

Zukünftige Chiropraktoren studieren an einer von der Eidgenossenschaft anerkannten chiropraktischen Hochschule in den USA oder Kanada. Voraussetzung für das Studium im Ausland sind die eidgenössisch anerkannte Maturität und ein abgeschlossenes Vorstudium in der Schweiz das erste medizinische Propädeutikum (Vorprüfung). Nach dem zehnsemestrigen Fachstudium für Chiropraktoren in den USA oder Kanada folgt eine mindestens zweijährige Assistentenzeit mit obligatorischen Kursen am Weiterbildungsinstitut der Schweizerischen Chiropraktorengesellschaft in Bern. Abgeschlossen wird das Studium dann mit dem Strahlenschutzexamen am BAG in Bern zum Betrieb einer eigenen Röntgenanlage und dem interkantonalen Staatsexamen am Unispital Balgrist Zürich.
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Die chiropraktische Behandlung erfolgt durch die Manipulation auf einem chiropraktischen Behandlungstisch, mit einer spezifischen durch einen minimalen Kraftaufwand ausgeführten manuellen Einwirkung (Handgriff) auf ein Gelenk, das in seiner Funktion gestört ist. Die rasche, mit einem genau dosierten Ruck ausgeführte Bewegung ist oft mit einem hörbaren Knacken (siehe Kasten), nicht aber mit Schmerzen verbunden. Die Manipulation ist gefahrlos, wenn sie durch einen gut ausgebildeten diplomierten Chiropraktor durchgeführt wird.

Stefan Streit, Doktor der Chiropraktik, definiert die Chiropraktik als selbständige Disziplin der wissenschaftlichen Heilkunde, die sich in erster Linie mit Störungen der Statik und Dynamik des Körpers, insbesondere des Bewegungsapparates befasst. Der Chiropraktor sei wie ein Arzt dazu befähigt, eine Diagnose zu stellen und danach eine geeignete Therapie durchzuführen. Zur Diagnose werden eine detaillierte Befragung (Anamnese), eine chiropraktische Untersuchung sowie orthopädische, neurologische und radiologische Untersuchungen und zuweilen auch Labortests durchgeführt.

Die Chiropraktik besteht jedoch zusätzlich aus weiteren therapeutischen Anwendungen wie Reflextherapien, Kinesiologie, physikalischen Spezialanwendungen und Heilgymnastik, Besonders wichtig ist auch die Beratung von Patientinnen und Patienten in bezug auf eine möglichst rückengerechte Lebensweise. Die der Mobilisation von Gelenken dienenden Anwendungen werden auch von Physiotherapeuten ausgeführt, nicht aber die Manipulation.

Keine Angst vor dem knackenden Geräusch

Der leise Knack, der meistens bei einer Gelenkmanipulation zu hören ist, gilt als "Markenzeichen" des Chiropraktors. Hörbar ist dieser Ton auch beim Zusammendrücken der Finger.
Es gibt Leute, die befürchten, dass dadurch etwas kaputt gegangen ist. Diese Angst ist unbegründet , denn der Ton hat nichts mit Knochenreibung zu tun. Das Geräusch entsteht dann, wenn durch den chiropraktischen Stoss für einen Augenblick der Gelenkinnenraum erweitert wird und sich damit der Gelenkinnendruck vermindert.
Die Folge ist ein Gelenkunterdruck, der dazu führt, dass sich die Gelenkflüssigkeit für einen Moment in einen gasförmigen Zustand umwandelt.
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Wann zum Chiropraktor?

Der Chiropraktor behandelt allgemein Funktionsstörungen und Schmerzzustände des Bewegungsapparates sowie akute oder chronische, nichtentzündliche rheumatische oder degenerative Gelenkerkrankungen, insbesondere der Wirbelsäule und des Beckens und spezifisch:

  • Hexenschuss, chronische Rückenschmerzen, bestimmte Arten von Diskushernien, Skoliosen, Scheuermann, Beckenverschiebungen, Schwangerschaftsischias, Schmerzen infolge Hüftarthrose, gewisse Knie oder Fussprobleme Tennisellbogen
  • Kopfschmerzen (z.B. Spannungskopfweh, bestimmte Migräneformen), chronische Nacken. schmerzen, Nackenstarre (Torticolis) im Volksmund "Äckegstabi" genannt, Schulter-Arm-Schmerzen, Neuralgien, Schwindel. Ohrensausen und Gefühlsstörungen in den Händen infolge Funktionsstörungen der Halswirbelsäule
  • nach Unfallverletzungen: nicht akute Schleudertraumen der Halswirbelsäule,Verrenkungen der Wirbelsäule, Sportverletzungen.
Methode aus der Antike

Die Chiropraktik feiert in diesem Jahr ihre hundertjährige Renaissance. Sie wurde erstmals im Jahre 1895 vom Amerikaner D.D. Palmer neu entdeckt und praktiziert. Schon in der klassischen Antike wurden Manipulationen an Wirbelsäule und Becken zur Behandlung von Wirbelsäulenleiden durchgeführt (z.B. durch Hippokrates).

Es gibt auch Erkrankungen, die der Chiropraktor nicht erfolgreich behandeln kann und die unbedingt in ärztliche Behandlung gehören wie z.B. alle entzündlich rheumatischen Erkrankungen, Infektionen, Tumore, grobtraumatische Verletzungen, Gefässprobleme und Schädel-Hirn-Trauma.

Wann zur Physiotherapie?

Marco Borsotti, ein Bündner Physiotherapeut und Präsident des Schweizerischen Physiotherapeuten-Verbandes bestätigt, ein grundsätzlicher Unterschied bestehe für den Patienten vor allem im Zugang zur Fachperson: Der Physiotherapeut ist eine Person, die ihre Leistung auf ärztliche Anordnung hin erbringt und dürfe daher selber keine Diagnosen stellen. Aus diesem Grunde gelange der Patient erst nach Überweisung von einem Arzt zum Physiotherapeuten. Theoretisch könne man natürlich auch direkt bei ihm vorbeikommen, doch dann wären die Krankenkassen nicht bereit, die Kosten zu tragen.

Ausbildung Physiotherapie

Die Aufnahmebedingungen für die schweizerischen Schulen für Physiotherpie sind unterschiedlich. In der Regel werden 11 Schuljahre oder eine abgeschlossene, dreijährige Berufslehre mit genügend Vorkenntnissen in Chemie, Physik und Biologie verlangt.
Die Ausbildung nach den Richtlinien des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) dauert vier Jahre und erfolgt an einer schweizerischen Schule für Physiotherapie. Mit zunehmender Ausbildungsdauer verlagert sich die Lehre auf die Arbeit mit Patienten an verschiedenen Praktikumsorten, Die Ausbildung wird mit der theoretischen und praktischen Diplomprüfung abgeschlossen, Die vom SRK anerkannten Ausbildungsstätten werden sowohl in der ganzen Schweiz als auch grundsätzlich im Ausland anerkannt.
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Der Physiotherapeut wird in der Praxis ein Gelenk nur mobilisieren, aber nicht manipulieren. Bei der Mobilisation wird das Gelenk in seinem physiologischen Bewegungsspielraum behandelt.

Physiotherapeutinnen und -therapeuten stehen aber noch sehr viele andere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Sie nutzen physikalische Elemente wie Kälte, Wärme, Licht, Elektrizität, Wasser, Erde und mechanische Kräfte. Die Anwendungsform einer Physiotherapie wird sehr oft vom Arzt verschrieben. Er entscheidet ob Eiswickel, Elektrotherapie, Bäder, Massagen; warme Fangopackungen oder Heilgymnastik angewendet werden sollen. Physiotherapie wird nicht nur zur Heilung, sondern auch zur Prävention eingesetzt.

Krankenkassen-Leistungen

Walter Frei, Pressesprecher des Konkordats Schweizerischer Krankenkassen, bestätigt, dass die chiropraktische Behandlung von den Krankenkassen bezahlt wird, weil der Chiropraktor für seinen Behandlungsbereich als dem Arzt gleichgestellter selbständiger Leistungserbringer im Gesetz erwähnt ist.

Physiotherapie wird von der Krankenkassen nur auf ärztliche Verordnung hin für 9 Behandlungen innert dreier Monate übernommen. Danach muss eine neue ärztliche Verordnung erfolgen und die Krankenkasse muss dafür eine Kostengutsprache geben. Bei gewissen chronischen Erkrankungen wie z.B. Multipler Sklerose wird auch eine Dauerbehandlung übernommen. Bei Meinungsverschiedenheiten liegt der Entscheid beim Vertrauensarzt der Krankenkasse, Patienten können auch beim Ombudsmann Rat holen.

Es gibt Überschneidungen

"In Bereichen der Reflex- und der physikalischen Therapie sowie der Prävention und Beratung überschneidet sich die Arbeit der Physiotherapeuten mit jener der Chiropraktoren", bestätigt Stefan Streit. Dasselbe gelte auch für den Bereich der Heilgymnastik und der Rehabilitation. Natürlich gebe es aber auch Bereiche, für welche eindeutig der Physiotherapeut zuständig sei, vor allem die Behandlung von Funktionsstörungen, die nach Operationen sowie Herz- und Kreislaufstörungen entstehen können. "Nicht alles ist heilbar", meint Streit, aber vielfach können wir dazu beitragen, dass Schmerzen auch ohne Medikamente gelindert werden. bdt/rhb



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