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«Chiropraktik wirkt Wunder»

Aus Schweizer Illustrierte Nr. 12 17. März 1997 S. 47 - 49


Schwachstelle Wirbelsäule. «Blockierte Wirbelkörper können sogar Kopfschmerzen und Schwindel verursachen», sagt Dr. Claude Supersaxo.




Die Chiropraktik boomt. Halsstarre, Hexenschuss, Verspannungen und Gelenkblockaden: Es gibt kaum eine Störung, die der Chiropraktor nicht beheben kann.

Wie kaum ein anderer Heilberuf erlebt die Chiropraktik weltweit und besonders in der Schweiz einen enormen Aufschwung. Immer häufiger suchen Patienten und Patientinnen einen Chiropraktor auf, um eine schmerzhafte Verspannung, ein blockiertes Gelenk oder eine plötzlich auftretende Halsstarre im wahrsten Sinn des Wortes manipulieren zu lassen. Verschiedene wissenschaftliche Langzeitstudien konnten eindeutig beweisen, dass die schnellen und wohldosierten Handgriffe ihre Wirkung nicht verfehlen. Obwohl in der Schweiz die Chiropraktik nicht gelehrt wird und sämtliche Interessenten fast ihr ganzes Studium in den USA oder Kanada absolvieren müssen, gibt es in unserem Land mittlerweile schon über 200 Chiropraktoren.
Die Zeiten sind vorbei, als die Chiropraktoren von ihren ärztlichen Kollegen belächelt wurden. Heute ist Zusammenarbeit angesagt. «Immer häufiger werden uns die Patienten von ihrem Hausoder gar Spezialarzt überwiesen», sagt Dr. Claude Supersaxo, der in Biel eine eigene Praxis führt und für die Schweizerische Chiropraktoren-Gesellschaft als Presseverantwortlicher tätig ist.

Was ist überhaupt Chiropraktik? «Chiropraktik ist nicht irgendein Hokuspokus, sondern eine wissenschaftliche Disziplin», erklärt Dr. Supersaxo. «Wir müssen uns den gleich strengen Massstäben stellen wie die übrige Medizin. Und bis ein Chiropraktor eine eigene Praxis führen darf, muss er sich im In- und im Ausland im Minimum acht Jahre ausbilden lassen.»

Im Zentrum der Chiropraktik steht der sogenannte Bewegungsapparat, also Wirbelsäule, Becken, Gelenke, Muskulatur, Bänderund Sehnen. Dr. Supersaxo: «Der Chiropraktor diagnostiziert und behandelt Störungen der Statik, also der Körperhaltung, und der Dynamik, das heisst gestörte Bewegungsabläufe. Zu solchen Störungen kommt es, wenn der Körper entweder zu stark oder falsch belastet wird.
Was spürt ein Patient, wenn seine «Statik und Dynamik» gestört sind? «Typisch sind teilweise oder ganz blockierte Gelenke, schmerzhafte Verspannungen und Verkrampfungen der Muskulatur, Halsstarre, Rückenschmerzen, aber auch bestimmte Formen von Schwindel und Kopfweh», erklärt Dr. Supersaxo. «Oft sind auch ausstrahlende Schmerzen in Arme und Beine und sogar «Pseudo-Herzbeschwerden» auf eine Störung im Bereich der Wirbelsäule zurückzuführen.»



HEILSAME MANIPULATIONEN. Dr. Claude Supersaxo befreit Beatrice Zahno aus Biel von ihrer Halsstarre.
Die eigentliche Behandlung geht sehr schnell. Mit einem geübten Handgriff löst der Therapeut die Gelenkblockade. Kein Schrei, kein Ausdruck von Schmerz, sondern nur ein leichtes Knacken ist hörbar. Was passiert bei einer solchen Manipulation? Dr. Supersaxo: «Ich mache nichts anderes, als das blockierte Gelenk ein Stück weit über das normale Mass hinaus zu bewegen, ohne dabei aber Kapsel, Bänder oder Weichteile zu verletzen. Auf diese Weise gelingt es, die Funktion eines Gelenkes wiederherzustellen . »
Ein moderner Chiropraktor verfügt über ein breites Repertoir an Behandlungsmethoden. Neben den Manipulationen wendet er je nach Diagnose auch physikalische Massnahmen wie Ultraschall, Elektrotherapie, Extensionen (Streckbehandlung) oder die sogenannte Gelenkmobilisation an. Viele Chiropraktoren machen auch Akupunktur und Akupressur, Gymnastikinstruktion und ergonomische Beratung.

Eine von vielen Patientinnen und Patienten, die auf Chiropraktik schwören, ist Beatrice Zahno, 32, Fitnesstrainerin an der Migros-Clubschule in Biel. «Vor einem halben Jahr bekam ich plötzlich fürchterliche Nackenschmerzen, die bis in die linke Hand ausstrahlten», erzählt die Bielerin. «Mein Hals war von einem Augenblick auf den anderen komplett blockiert.»

Bis heute hat Beatrice Zahno keine Ahnung, woher ihre akuten Nackenbeschwerden stammen: «Als Fitnesstrainerin habe ich sehr viel Bewegung. Was meine Halsstarre ausgelöst hat, ist mir völlig schleierhaft.» Um so grösser war ihre Angst. «Die Schmerzen waren derart unerträglich, dass ich schon gar nicht auf die Idee kam, es mit irgendeinem Hausmittel oder Medikament zu versuchen. Ich wusste, hier kann nur ein Profi helfen.» Über ihre Schwester gelangte die schmerzgeplagte Patientin noch am gleichen Tag an Dr. Claude Supersaxo in Biel.

Um sich ein zuverlässiges Bild zu machen, spricht der Chiropraktor ausführlich mit seiner Patientin. Dann folgt eine genaue Untersuchung. Da sein Befund sofort klar ist, verzichtet er auf ein Röntgenbild.« Akutes cervicobrachiales Syndrom» lautet die Diagnose. Oder einfacher gesagt: akute, schmerzhafte Blockierung der Halswirbelsäule mit Ausstrahlung in den Arm. «Solche Blockaden sind häufig», sagt Dr. Supersaxo. «Im Einzelfall ist es nicht immer einfach, die genaue Ursache zu finden. Im allgemeinen handelt es sich aber um die Folgen von fehlender oder - wie bei Frau Zahno - von übermässiger körperlicher Belastung.»


Und wie steht es mit der Angst, dass eine solche Manipulation an der Wirbelsäule die Schmerzen nur noch verschlimmert? «Ich hatte null Befürchtungen, dass etwas passieren kann», sagt die Gymnastiklehrerin. «Dr. Supersaxo ist so erfahren und besonnen, dass ich ihm voll vertraue, auch wenn die Beschwerden unmittelbar nach der ersten Behandlung noch stärker waren als vorher.» Beatrice Zahno sollte recht behalten. Mit jeder weiteren Manipulation an den Wirbelgelenken minderten sich die Schmerzen. Heute ist sie vollkommen beschwerdefrei. Damit es keinen Rückfall gibt, geht Beatrice Zahno viel schwimmen. «Dieser Sport ist für Rücken und Gelenke eine Wohltat», sagt Dr. Supersaxo. «Man sollte aber nicht in Bauch-, sondern in Rückenlage schwimmen, weil es sonst oft zu erneuten Fehlbelastungen der Halswirbelsäule kommt.»


Dr. Claude Supersaxo über Chiropraktik «Man braucht keine ärztliche Überweisung, wenn man zum Chiropraktor will»

Was geschieht bei einer Manipulation?
Sie ist der zentrale Bestandteil einer chiropraktischen Behandlung. Es handelt sich um eine rasche, mit einem genau dosierten Impuls verbundene Bewegung Oft hört man ein Knacken. Wird die Behandlung richtig gemacht, ist sie nicht nur schmerz-, sondern auch gefahrlos. Für eine Manipulation benötigt man aber grosse Präzision und Schnelligkeit.

In welchen Fällen kommt eine chiropraktische Behandlung nicht in Frage?
Zum Beispiel bei Tumoren, Frakturen oder entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wie Polyarthritis oder Bechterew.

Bezahlen die Krankenkassen die Arbeit des Chiropraktors?
Auf jeden Fall. Nach dem neuen Krankenversicherungsgesetz sind wir mit den Ärzten gleichgestellt. Man braucht deshalb keine ärztliche Überweisung, wenn man zum Chiropraktor will.

Wie wird man Chiropraktor?
In der Schweiz gibt es keinen entsprechenden Lehrgang. Lediglich zwei Semester Medizin absolviert ein angehender Chiropraktor an einer Schweizer Universität. Dann geht er für fünf bis sechs Jahre an eine vom Eidgenössischen Departement des Innern anerkannte chiropraktische Hochschule in den USA oder in Kanada. Nach dem Studium im Ausland folgt eine mindestens zweijährige klinische Assistenz in der Schweiz mit regelmässigen Kursen am Weiterbildungsinstitut der Schweizerischen Chiropraktoren-Gesellschaft in Bern. Bevor er praktizieren darf, muss er das interkantonale Staatsexamen bestehen.

Die meisten Chiropraktoren machen selber Röntgenuntersuchungen Sind sie dazu ausgebildet?
Die Chiropraktoren waren die erste medizinische Berufsgruppe, die eine obligatorische eidgenössische Strahlenschutzprüfung einführte.



Ärzte antworten auf Leserfragen Dr. Claude Supersaxo«Soll ich mit Diskushernie zum Chiropraktor ?»

«Nach einer Hüftgelenkprothesen-Operation links schmerzt die rechte Gesässseite.» «lch habe ein lästiges Halbseiten-Kopfweh mit zeitweiligem Augenflimmern. Kann mir ein Chiropraktor helfen?» Dr. med. Claude Supersaxo, Chiropraktor in Biel, beantwortet Leserfragen.

Aus Schweizer Illustrierte Nr. 16 14. April 1997 S. 54, 55


MARIA F., 42, BRIG: Ich habe Ischias mit Schmerzen und Gefühisstörungen in einem Bein. Deshalb war ich beim Arzt. Dieser hat eine Magnetresonanzuntersuchung angeordnet, wobei eine Diskushernie festgestellt wurde. Der Neurochirurg will jedoch nicht operieren. Soll ich jetzt zu einem Chiropraktor gehen?

DR. CLAUDE SUPERSAXO: Selbstverständlich können Sie zum Chiropraktor gehen. Nach neuesten Erkenntnissen weiss man, dass sehr viel mehr Personen Diskushernien haben als bisher angenommen, dass jedoch nur ein kleiner Teil dieser Patienten ausschliesslich von der Hernie geplagt wird. Meist sind zusätzliche Faktoren im Bereiche der betroffenen Bandscheibe mitverantwortlich für die Symptome. Vielfach kann ohne Operation geholfen werden. Der Chiropraktor wird nach einer eingehenden Untersuchung schnell feststellen, ob Sie ein Fall für ihn sind.

ANNA R., 67, ZÜRICH: Ich habe vor wenigen Monaten links ein künstliches Hüftgelenk eingepflanzt erhalten. Nun habe ich starke Schmerzen in der rechten Gesässgegend.

DR. CLAUDE SUPERSAXO: Solche Schmerzen kommen nach dieser Operation häufig vor: Vor der Operation war der Bewegungsablauf der Beckengelenke stark beeinträchtigt. Nach der Operation gingen Sie an Krücken, und erst nach mehreren Wochen begann ein neuer, Ihrem Körper entsprechender Bewegungsablauf. Alle diese Faktoren führen zu Über- und Fehlbelastungen in der Becken und unteren Wirbelsäulegegend. Der Chiropraktor wird die Behandlung Ihrer speziellen Situation anpassen.

BERNHARD M., 60, BERN: Seit 15 Jahren habe ich linksseitige Kopfschmerzen, die vom Nacken bis ins Auge ausstrahlen, zeitweilig mit Augenflimmern und Erbrechen. Diagnostiziert wurde ein Halbseiten-Kopfweh. In akuten Phasen nehme ich entsprechende

Medikamente. Könnte mir ein Chiropraktor helfen?

DR. CLAUDE SUPERSAXO: Das Halbseiten-Kopfweh wird oft durch eine Reizung jenes Halsnervs ausgelöst, der zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel aus dem Rückenmark austritt. Ein Teil dieses Nervs läuft dem Hinterkopf entlang. Der Chiropraktor wird herausfinden, ob die Reizung dieses Nervs von einer mechanischen Fehlstellung der oberen Halswirbel herrührt. Seine Behandlung wird er entsprechend aufbauen. Im allgemeinen machen wir - kurz- und langfristig gute Erfahrungen mit der Behandlung solcher Beschwerden.



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