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Die Hand als heilendes Werkzeug

Aus Paraplegie, März 2000, S.16 - 23


Chiropraktor Dr. Schroeder erklärt einer Patientin anhand der Röntgenaufnahmen die Lage der Wirbel-Blockade


Paraplegiker und Tetraplegiker sind besonders häufig von Störungen betroffen. die von der Wirbelsäule ausgehen. Deshalb gehört die Chiropraktik zum umfassenden Angebot an Therapien im Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Mit einfachen Mitteln, vornehmlich mit der Hand, erreicht der Chiropraktor oft verblüffende Erfolge.

Die Chiropraktik ist eine Behandlung am zentralen Schnittpunkt des Nervensystems - an der Wirbelsäule. Doch die Therapie wird nicht nur gegen Rückenbeschwerden angewendet, sondern auch bei organischen Störungen. Denn viele Leiden haben ihren Ursprung in der Blockade von Wirbeln.

Chiropraktik ist das griechische Wort für Handverfahren. Die Therapieform geht auf den Amerikaner David D. Palmer zurück, der 1895 erstmals einen Patienten manuell an der Wirbelsäule behandelte. Zusammen mit seinem Sohn gründete er in Davenport (Iowa, USA) die erste Schule für Chiropraktik. Bis sich die manuelle Behandlung von funktionellen Störungen der Wirbelsäule etablieren konnte, musste sie Widerstände der konventionellen Medizin überwinden. In der Schweiz ist die Chiropraktik erst seit 1964 als kassenpflichtig anerkannt.

Gestörte Harmonie

Der Gang zum Chiropraktor kann der richtige Weg sein, um aufwendigere Behandlungen oder sogar eine Operation zu umgehen. Dr. Ernst Schroeder, Chiropraktor im SPZ, erklärt in einem Interview die Grundzüge des medizinischen «Handwerks».

Wann gehe ich zum Chiropraktor?

Eine chiropraktische Behandlung ist angezeigt bei Problemen im Bewegungsapparat. Die Schwierigkeit für Patientinnen und Patienten besteht darin, dass der Zusammenhang zwischen den Symptomen mit der Ursache nicht in allen Fällen problemlos erkennbar ist. Bei folgenden Beschwerden ist es sinnvoll, den Chiropraktor zu konsultieren: Schleudertrauma, Kopfschmerzen (Verspannungen, Migräne), Schwindelattacken, Halsstarre (Torticollis), Hexenschuss, chronische Kreuzbeschwerden, Ischiasbeschwerden, Bandscheibenvorfall (Diskushernie), Gelenkprobleme wie Schulter- Ellbogen- oder Knieprobleme, organische Störungen, (vor allem bei Babys und Kleinkindern) zum Beispiel Nasenohreninfektionen, 3-Monatskrämpfe und Asthma.

«Paraplegie»: Was behandeln Sie an der Wirbelsäule?

Dr. Ernst Schroeder: Ich behandle funktionell blockierte Wirbel. Lassen Sie mich das erklären: Die Wirbelsäule des Menschen besteht aus mehreren einzelnen Wirbeln, die zu zweit ein Bewegungssegment bilden. Die freie Beweglichkeit dieser Segmente kann eingeschränkt, respektive blockiert sein. Vergleichbar ist dies etwa mit einer festgefahrenen Schublade. Eine solche Blockierung eines Bewegungssegmentes stört die Bewegungsharmonie der gesamten Wirbelsäule, ähnlich einem falsch gestimmten Instrument eines Orchesters.

Gibt es auch funktionell blockierte Wirbel bei Para- und Tetraplegikern?

Grundsätzlich gilt: Gegen die Lähmung kann die Chiropraktik nichts ausrichten, genau so wie die andern Bereiche der Medizin. Aber blockierte Wirbel gibt es bei Querschnittlähmung häufig. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Der Unfall, der zur Querschnittlähmung führt, schädigt die Wirbelsäule nicht nur dort, wo ein stabilisierender operativer Eingriff notwendig wird, sondern auch in den Segmenten darunter und darüber.
Zudem bewirkt das ständige Sitzen und die dadurch verminderte Beweglichkeit der gesamten Wirbelsäule eine Fehlbelastung, und es kommt zu Blockierungen. Anfällige, schon früher entstandene Störungen der Wirbelsäule können durch einen schweren Unfall verstärkt und akut in Erscheinung treten.

Wie wirkt sich eine Blockierung aus?

Eine Blockierung bedeutet die eingeschränkte Beweglichkeit eines Teiles der Wirbelsäule. Jeder kennt den plötzlich einschiessenden Nackenschmerz, die sogenannte Halsstarre oder Torticollis. In diesem Fall ist es dem Patienten nicht möglich, den Kopf auf eine Seite zu drehen oder ihn zu neigen.

Eine Blockierung löst über Nerven- und Muskelreflexe eine Kettenreaktion aus. Stellen Sie sich vor, Sie bauen einen Turm mit Holzklötzen. Ist ein Klotz zu weit rechts gelegt, sollte der nächste etwas zu weit nach links gelegt werden, sonst entsteht ein schiefer Turm. Mit anderen Worten - ein Wirbel, der blockiert ist, wird durch andere Wirbel kompensiert. Diese Kettenreaktion geht durch die ganze Wirbelsäule. So kann ein Ischiasschmerz durch einen blockierten Halswirbel ausgelöst werden.

Zudem stört eine Blockierung den Nervenfluss zwischen Rückenmark und Organen. Damit ist es dem Körper nicht mehr möglich, einzelne oder mehrere Organe richtig zu steuern oder zu kontrollieren. Dies erklärt den Einfluss einer chiropraktischen Behandlung nicht nur auf Schmerzsyndrome, sondern auch auf organische Schädigungen. Kurz,durch die Behandlung wird die Statik der Wirbelsäule verändert, die Bewegungsharmonie der Wirbelsäule wieder hergestellt und der Nervenfluss in den Körper gewährleistet.

Babys und Kleinkinder

Atlasbehandlung beim Baby: Feinfühlige Hände verursachen grosses Staunen, aber kein Erschrecken.
Sie behandeln auch Kleinkinder und Babys?

Ja, denn Neinkinder, speziell Babys in den ersten Wochen ihres Lebens, reagieren sehr gut auf eine chiropraktische Behandlung.

Meistens sind bei Säuglingen Störungen an der oberen Halswirbelsäule festzustellen. Während der Geburt wird häufig sehr stark am Kopf des Kindes gezogen, die Wirbelsäule wird zusätzlich durch die Wehen gestaucht, wenn der Kopf im Geburtskanal steckt. Das kann zu funktionellen Blockierungen der oberen Halswirbelsäule führen. Man spricht auch von einer Art Geburtstrauma. Ein sogenannter Schiefhals oder Drei-Monats-Krämpfe und Schlaflosigkeit können die symptomatische Folge davon sein.


Das Baby ist während der Brustwirbel-Behandlung in guten Händen.

Ich erinnere mich an einen speziellen Fall: Ein einjähriges Kind wurde mir in die Praxis gebracht, weil die Eltern feststellten, dass es beim Sitzen oft unvermittelt zusammenfuhr und dadurch mit dem Kopf am Boden aufschlug. Die Untersuchung beim Kinderarzt und auch die Spezialuntersuchung beim Neurologen zeigten nichts Auffälliges. Die Eltern getrauten sich nicht mehr, das Kind auf den Boden zu setzen; dabei ist Sitzen und Krabbeln für die motorische Entwicklung von grosser Bedeutung.

Meine Untersuchung ergab, dass das Kind aufgrund der Vakuumgeburt eine Blockierung des obersten Halswirbels (Atlas) erlitten hatte.

Ich führte eine leichte Druckpunktbehandlung am Atlas durch. Die Eltern berichteten mir nach zwei Wochen, dass sie keine Verbesserung des Zustandes ihres Kindes feststellen könnten. Nach der zweiten Atlasbehandlung sagten mir die Eltern schon wenige Tage später am Telefon, dass der kleine Junge viel weniger zusammenzucke. Nach vier Behandlungen konnte ich das Kind geheilt aus der Behandlung entlassen.


Vertrauen ist ein wichtiger Faktor für die erfolgreiche Behandlung.
Haben Sie auch Erfahrung mit älteren Kindern?

Ich behandle auch grössere Kinder. Bei ihnen kommen andere, typische Symptome hinzu, etwa Mittelohrentzündungen, Asthma oder Kopfschmerzen. Weil Kinder auf meine Behandlung besonders leicht ansprechen, erfahren viele organische Störungen eine Linderung.

Ist es üblich, dass der Chiropraktor Babys und Kinder behandelt?

Viele Berufskollegen behandeln Kinder. Eine Liste der Chiropraktoren in der Schweiz, welche Kleinkinder und Babys behandeln, ist beim Zentralsekretariat der Schweizerischen Chiropraktorengesellschaft am Sulgenauweg 38 in Bern erhältlich.

Wenig Hilfsmittel
Wie behandeln Sie blockierte Wirbel?

Vor der Behandlung der Wirbelsäule muss der Patient gründlich untersucht werden. Eine Blockierung kann ich oft durch Abtasten der Wirbelsäule finden. Eine Röntgenuntersuchung mit funktionellen Aufnahmen (Aufnahmen nach bestimmten Bewegungen) oder eine Cinéradiographie der Halswirbelsäule dient der exakten Feststellung von Blockierungen. Aufgrund dieser Untersuchungen stelle ich eine Diagnose und leite die chiropraktische Behandlung ein.

Die in der Schweiz am häufigsten angewandte chiropraktische Behandlungsform ist wohl die klassische Manipulation von Hand, mit der eine Fixierung des Wirbelgelenkes gelöst wird. Über 100 verschiedene Techniken sind bekannt. Zum Beispiel brauche ich ein Instrument, welches einen sehr schnellen mechanischen Impuls auf den Wirbel überträgt. Eine ergänzende Einrichtung ist der im Behandlungstisch eingebaute Dropmechanismus. Dieses mechanische Hilfsmittel gibt auf eine genau einstellbare Krafteinwirkung nach und lässt dann Teile der Oberfläche des Behandlungstisches um einige Zentimeter nach unten bewegen. Diese Bewegung wird so auf einzelne Wirbelsäulensegmente übertragen. Beide Formen der Therapie erweisen sich als vorteilhaft, vor allem bei der Behandlung von Para- und Tetraplegikern. Denn es kanneine Rotation der Wirbelsäule vermieden werden, und mit dem Impulsinstrument, welches eine geringe Auflagefläche hat, kann ich näher am eigentlichen Läsionsort arbeiten. Neben der direkten Einwirkung auf die Wirbel gibt es auch die verschiedenen Formen einer muskulären Weichteilbehandlung.

Welche konkreten Auswirkungen kann denn eine Behandlung durch den Chiropraktor bei Erwachsenen haben ?

Lassen Sie mich ein Beispiel schildern. Ich hatte gerade meine Tätigkeit in Nottwil aufgenommen, als eine Mutter mit ihrer 1 9-jährigen Tochter bei mir in der Sprechstunde erschien. Die junge Frau litt unter heftigen Kreuzschmerzen, welche zeitweise auftraten und von Ischiasschmerzen begleitet waren. Sie konnte dem Schulunterricht nicht mehr richtig folgen, da sie nicht mehr länger als eine halbe Stunde sitzen konnte. Danach musste sie sich wieder für 20 bis 25 Minuten auf den Boden legen, um ihrem Rücken eine Erholungsphase zu gönnen.

Die beiden berichteten mir, dass eine Rückenoperation geplant sei. Man wollte den untersten Wirbel mit dem Kreuzbein fixieren und versteifen und so einen Geburtsfehler korrigieren, um der jungen

Frau ein beschwerdenfreies Leben zu ermöglichen.

...aber das Risiko einer Operation schreckte ab?

Richtig, Mutter und Tochter waren begreiflicherweise voller Sorge.

Nach einer eingehenden Abklärung und der radiologischen Untersuchung der Halswirbelsäule stand fest, dass sich ein chiropraktischer Behandlungsversuch sicher lohnen würde. Sollte keine Besserung eintreten, wäre ein operatives Vorgehen immer noch möglich. Wir hatten Glück, denn schon wenige Behandlungen brachten der jungen Frau eine wesentliche Schmerzlinderung. Sie konnte den Schulunterricht wieder normal aufnehmen. Die Behandlung schloss ich nach einem halben Jahr ab.


Die Halswirbel einer Patientin werden behandelt.

Ein Jahr später erschien die Patientin in meiner Sprechstunde, diesmal wegen einer Halsstarre. Im Kreuz war sie seit meiner Behandlung mehr oder weniger beschwerdefrei. Einige Jahre später erfuhr ich, dass die junge Patientin inzwischen einen Beruf erlernt hat, verheiratet ist und bereits Kinder hat.

Nicht alle Fälle verlaufen so erfolgreich. Gerade hier im Paraplegiker-Zentrum aber gibt es eine breite Palette von verschiedenen Therapiemöglichkeiten und Spezialisten, die es mir dank der guten Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen ermöglichen, eine Lösung zum Wohl des Patienten zu suchen, wenn meine Behandlung nicht zum nötigen Erfolg führt.

Der Erfolg spricht auf alle Fälle für die Chiropraktik?

Sicher. Aber trotz meiner langjährigen Berufserfahrung bin ich immer wieder erstaunt, welche Selbstheilungskräfte im Körper durch die chiropraktische Behandlung ausgelöst werden. Obwohl Enttäuschungen für mich und den Patienten nicht ausbleiben, sind die Resultate doch meist verblüffend. Immer mehr realisiere ich, dass Zeit und Geduld ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg sind.



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