Chiropraktik: Hilfe auf natürlichen Wegen
Die moderne Zivilisation hat die meiste «Knochenarbeit» aus Beruf, Haushalt und Alltag verbannt. Trotzdem sind Fehlbelastungen des Bewegungsapparates - besonders der Wirbelsäule - eine zunehmende Quelle von schmerzhaften Besehwerden und ernstzunehmenden Krankheiten. Mit Chiropraktik rückt man letzteren seit Jahrtausenden zu Leibe.
Von Jürg Hurter
Mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung leidet an ständigen oder häufigen Wirbelsäulen- und anderen Gelenkbeschwerden darunter eine nicht geringe Zahl von Kindern und Jugendlichen. Zu den lokalen Beschwerden des Bewegungsapparates kommen noch die davon ausgehenden Störungen wie Muskelverkrampfungen Schwindel, Kopfschmerzen, ausstrahlende Schmerzen in den Beinen sowie Pseudo-Herzbeschwerden. Unsere bewegungsarme, häufig sitzende Lebensweise und zivilisationsbedingtes Fehlverhalten sind die Hauptgründe für diese teilweise sehr langwierigen und schmerzhaften Gesundheitsschäden.
Mit operativen und medikamentösen Therapien werden sie bekämpft, werden Symptome gelindert. Dank dem Fortschritt in Medizin und Pharmazie haben in manchem Fall, der früher hoffnungslos war, gute Resultate das Leben wieder erträglich gemacht. Doch nicht immer sind Skalpell oder Chemie nötig. In den letzten hundert Jahren hat sich die Chiropraktik zu einer medizinisch-wissenschaftlichen Disziplin entwickelt, die der Sensibilisierung der Bevölkerung gegen Medikamentenmissbrauch und für eine natürlichere Medizin Rechnung trägt.
Krankheitsfaktor Wirbelsäule
Chiropraktik befasst sich mit heilbaren funktionellen Störungen des Bewegungsapparates - besonders der Wirbelsäule, des Nervensystems, der Muskeln, Sehnen und Gelenke - nach Unfällen und kurzen oder dauernden Fehlbelastungen. Beeinträchtigungen der Beweglichkeit und daraus entstehende Verkrampfungen der Muskeln und Schmerzzustände werden vom Chiropraktor gelindert oder behoben.
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Die rechtliche Stellung des Chiropraktors
Die schweizerischen Gesetze anerkennen den Chiropraktor, den Dr. der Chiropraktik, als selbständigen Vertreter der Heilkunde.
Leistungen des Chiropraktors werden von den Krankenkassen, den Privatversicherern, der SUVA und der Militärversicherung ohne Überweisung einer anderen Medizinalperson getragen.
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Die Chiropraktik hat wesentlich zur Erkenntnis beigetragen, die die Wirbelsäule als wichtigen Krankheitsfaktor betrachtet: reflektorisch können oft auch tieferliegende Organe positiv beeinflusst werden. Im Kreis der wissenschaftlich anerkannten Heilberufe steht die Chiropraktik als selbständige Disziplin zwischen Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie und innerer Medizin. Als eigenständige Heilmethode hat die Chiropraktik im heutigen Gesundheitswesen die Aufgabe, Patienten auf natürlichem Wege ohne Chirurgie und in der Regel ohne Medikamente zu helfen.
Der helfende Knacks ohne Schmerz
Wie in jeder medizinischen Praxis geht der Behandlung eine eingehende Untersuchung voraus, bei der neben der Krankengeschichte die Haltung des Patienten und sein Bewegungsablauf im Vordergrund stehen. Neben orthopädischen und neurologischen Untersuchungen stehen dem Chiropraktor in erster Linie die sogenannte Palpation, das Abtasten der Wirbelsäule, des Beckens und der peripheren Gelenke, sowie deren Funktionsprüfung zur Verfügung. Röntgen- und Laboruntersuchungen erhärten die Diagnose und schliessen zum Beispiel Tumore oder Knochenbrüche aus, die keine Indikation für eine manuelle Behandlung darstellen.
Die chiropraktische Manipulation besteht im wesentlichen aus einer spezifischen, mit minimalem Kraftaufwand ausgeführten manuellen Einwirkung auf ein Gelenk, das in seiner Funktion gestört ist. Dabei wird das blockierte Gelenk leicht über seine normale Beweglichkeit hinaus bewegt, ohne dass jedoch Kapsel, Bänder oder Weichteile verletzt oder beeinträchtigt werden. Die rasche, mit einem genau dosierten Impuls verbundene Bewegung ist oft mit einem hörbaren Knacken verbunden. Die Behandlung ist aber richtig ausgeführt - nicht nur im allgemeinen schmerzfrei, sondern auch gefahrlos.
Die Tätigkeit des Chiropraktors umfasst ein weites Gebiet ausserhalb der eigentlichen manuellen Behandlung: Reflextherapie, vorbereitende Schritte zur Lockerung verspannter Muskeln und verschiedene physikalisch-therapeutische Massnahmen gehören ebenso dazu wie orthopädische Massnahmen und die Beratung des Patienten in bezug auf eine Lebensweise, die den Ansprüchen seines Bewegungsapparates besser gerecht wird.
Aktivitäten im Bereich der Gesundheitsvorsorge, individuelle Gymnastikkurse und «Rückenschulung» - nicht zuletzt für Diskushernien-Patienten -, Vorträge in Schulen, Unternehmen und Öffentlichkeit runden das Wirkungsfeld des Chiropraktors ab.
Erfolge der Chiropraktik
Langzeituntersuchungen, die sich mit dem Erfolg verschiedenster Therapien befassten, haben gezeigt, dass die Behandlung durch den Chiropraktor kostengünstig ist, unnötige Operationen vermeiden hilft und die körperliche Einsatzbereitschaft rascher wiederherstellt. In einer Schweizer Studie waren 75 Prozent der untersuchten Personen erfolglos vorbehandelte Patienten. Trotz dieses hohen Anteils an therapieresistenten Fällen konnten über 80 Prozent durch die Chiropraktik geheilt oder gebessert werden. In mehr als einem Drittel war der Patient vor der chiropraktischen Behandlung täglich auf Medikamente angewiesen; danach war dies nur noch in einem Prozent der Fall.
Bei vorsichtiger Wertung dieser Ergebnisse darf festgestellt werden, dass die Chiropraktik den täglichen Medikamentenbedarf - der mit Nebenwirkungen verbunden sein kann - deutlich zu mindern vermag.
Wer wird Chiropraktor ?
Weil in der Schweiz die Chiropraktik bislang nicht gelehrt wird, muss der zukünftige Chiropraktor auch heute noch an einer vom schweizerischen Bundesrat anerkannten Hochschule in den USA oder in Kanada studieren. Voraussetzung für das zehnsemestrige Studium im Ausland ist ein abgeschlossenes Vorstudium in der Schweiz, das erste medizinische Propädeutikum. Die Ausbildung umfasst unter anderem Anatomie, Patho-, Physio- und Neurologie, Biomechanik, Diagnostik, Röntgendiagnostik und natürlich die manuelle chiropraktische Tätigkeit. Nach dem Studium im Ausland folgt in der Schweiz eine mindestens zweijährige klinische Assistenzzeit mit regelmässigen Kursen am Weiterbildungsinstitut der Schweizerischen Chiropraktoren-Gesellschaft SCG in Bern.
Da in der Schweiz der Grundsatz der Nichtanerkennung ausländischer Medizinaldiplome gilt, müssen sich die Inhaber eines Fachdiploms noch zusätzlichen Fähigkeitsprüfungen unterziehen. Das Staatsexamen wird von einem Gremium abgenommen, das je zur Hälfte aus Chiropraktoren und Ärzten besteht. Ausserdem muss der Chiropraktor ein eidgenössisches Strahlenschutzexamen ablegen, womit er auch die Erlaubnis zum Betreiben einer eigenen Röntgenanlage erhält, da für die genaue Diagnose in vielen Fällen ein Röntgenbild nötig ist. Der Chiropraktor untersteht - wie jeder Mediziner - der gesundheitspolizeilichen Aufsicht der kantonalen Gesundheits- oder Sanitätsdirektion.
Der lange Weg zur Anerkennung
Im Begriff Chiropraktik stecken die griechischen Worte für «Hand» und «machen». In der Tat sind die Hände des Chiropraktors sein wichtigstes diagnostisches und therapeutisches Werkzeug. Bereits in der klassischen Antike wurden wirbelsäulenbedingte Leiden mit Manipulationen an Wirbelsäule und Becken behandelt. Wahrscheinlich waren die damaligen Heilmethoden schon den Völkern der vorgriechischen Zeit bekannt.
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Wann zum Chiropraktor ?
Der Chiropraktor behandelt Störungen der Statik (Körperhaltung) und der Dynamik (Bewegungsablauf) des menschlichen Bewegungsapparates und insbesondere der Wirbelsäule nach Unfällen und kurzen oder dauernden Fehlbelastungen der Muskeln und Gelenke. Beeinträchtigungen der Beweglichkeit, Verkrampfungen der Muskeln und Schmerzzustände werden von ihm gelindert oder behoben.
Ebenfalls können Organstörungen ausserhalb des Bewegungsupparates günstig beeinflusst werden.
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Ende des 19. Jahrhunderts erkannten in den USA Vater und Sohn Palmer die chiropraktischen Massnahmen als Verfahren zur Behebung reversibler funktioneller Störungen des Wirbelsäulen-Funktionsgefüges und entwickelten sie zu einer wirksamen Therapie zahlreicher gesundheitlicher Beschwerden und krankhafter Vorgänge.
Das erste Lehrinstitut für Chiropraktik, The Palmer College of Chiropractic, wurde um die Jahrhundertwende in Davenport, Iowa, gegründet und ist heute noch eine der zehn Hochschulen, an denen Schweizer Chiropraktoren studieren.
Ende der 20er Jahre kehrten die ersten Chiropraktoren von ihrer Ausbildung aus den USA in die Schweiz zurück und erzielten Behandlungserfolge bei zahlreichen Patienten, die zuvor erfolglos mit den herkömmlichen Methoden behandelt worden waren. Dies löste in der Öffentlichkeit eine Bewegung aus, die schliesslich zur Anerkennung der Chiropraktik durch den Gesetzgeber und bei den Krankenkassen führte - natürlich nicht ohne die üblichen politischen Diskussionen.
In unserem Gesundheitswesen ist die Schweizerische Vereinigung Pro Chiropraktik SVPC eine einzigartige Erscheinung: Sie ist der Zusammenschluss von Chiropraktik-Patienten, die ihre Interessen gegenüber der staatlichen Gesundheitspolitik und dem Versicherungswesen vertreten. Damit hat diese Patientenvereinigung viel für die Förderung und die Anerkennung der Chiropraktik in Politik und Versicherungswesen geleistet.
Seit der gesetzlichen Anerkennung der ersten Chiropraktoren in der Schweiz garantieren der Gesetzgeber und die Schweizerische Chiropraktoren-Gesellschaft, dass nur bestens qualifizierte Fachleute zur Diagnose und manuellen Behandlung zugelassen werden. Weiterbildungskurse, die für alle schweizerischen Chiropraktoren obligatorisch sind, garantieren einen hohen aktuellen Wissensstand. Auch die regelmässigen Fachtagungen der SCG finden nicht nur bei den etwa 200 Schweizer Chiropraktoren Beachtung, sondern auch in ganz Europa und in Übersee. Heute haben die Chiropraktoren - dank ihren Erfolgen und ihrem hohen Ausbildungsstand - einen festen und zukunftsweisenden Platz im Gesundheitswesen erreicht, von dem aus sie die weitere Entwicklung der Chiropraktik im Dienste der Patienten fördern.