Ein Gerücht mit Folqen
Von Dr. Urs Roner
Ein Gerücht macht die Runde: Wer eine Last ohne Schmerzen auch mit krummem Rücken und durchgestreckten Knien zu heben vermöge, dürfe das ohne Bedenken tun.
Zwei Ärzte sollen in Selbstversuchen und dank implantierten Sonden in ihren Bandscheiben zu dieser Erkenntnis gelangt sein.
Was ist davon zu halten? Jahrzehntelang hat man gelernt und gelehrt, schwere Lasten seien nahe am Körper und mit gestrecktem Rücken zu heben.
Schon grundlegende Kenntnisse der Hebelwirkung liefern den wichtigsten Teil der Erklärung. Die Krafteinwirkung auf die Wirbelsäule und die Bandscheiben nimmt um ein Vielfaches zu, wenn eine Last mit Abstand zum Körper und mit gebeugtem, mit «krummem» Rücken gehoben wird. Diese Regel ist unbestritten.
Akute Bandscheibenvorfälle (Diskushernien) werden oft durch eine einmalige Fehlbelastung beim Heben von Lasten mit gebeugtem Rücken und gestreckten Knien verursacht. Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und langwierige Therapien oder gar chirurgische Eingriffe sind die Folgen, Heilung ist nicht immer gewiss.
Zwar ist die Behauptung richtig, eine starke, also stützende und schützende Muskulatur sei der Schlüssel zur Bekämpfung von chronische Rückenschmerzen. Erwiesen ist zudem, dass die Bandscheiben auf wechselnde Be- und Entlastung zur Flüssigkeitsaufnahme angewiesen sind.
Aber - und hier zeigen sich die Gefährlichkeit des Gerüchtes und die Fahrlässigkeit seiner Verbreitung - keine Wirbelsäule ist wie die andere, und auch die gesündeste junge Wirbelsäule, die von kräftiger Muskulatur gestützt wird, sollte nicht unnötig in Gefahr gebracht werden.
Auch in Zukunft gilt also: Schwere Gegenstände sind mit geradem Rücken und nahe am Körper zu heben.
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