Stellen Sie Fragen!
Von Dr. John P. Naef
Über Jahrzehnte haben gescheite Menschen mit Weitblick und einem Sinn fürs Ganze eine grossartige Bibliothek zusammengetragen. Sie haben Bestehendes mit System zusammengefügt, sie haben nach Neuem geforscht und es niedergeschrieben, auf dass es künftige Generationen nutzen. Manche Lösung stammt aus dieser Bibliothek, und ihr guter Ruf reicht weit: von überall her kommen Menschen, um sich Rat zu holen. Manche bleiben zum Studium, um später weiterzugeben, was sie hier erfahren.
Eines Tages erscheinen geschäftstüchtige Männer, wie alle beeindruckt von der Fülle und der Kraft des gesammelten Wissens. Ein Werk unter den vielen hat es ihnen besonders angetan, bald kennen sie es aus wendig, und sie nehmen sich vor, diese Kenntnis zu nutzen. Draussen verkünden sie, wer diesen einen Band kenne, der wisse, was zu wissen sei. Weshalb also sich aufhalten mit dem Studium der vielen anderen Bücher?
Sie bieten ihr Wissen aus dem einen Buch an, und die Ratsuchenden bleiben nicht aus, die bereit sind, dafür mehr Geld zu bezahlen als andere für das Wissen aus der ganzen Bibliothek.
Meine gleichnisartige Geschichte zeigt Ihnen, was seit einiger Zeit im «Gesundheitsmarkt» geschieht. Die Chiropraktik als Disziplin der wissenschaftlichen Heilkunde hat sich bei Patientinnen und Patienten und bei ihren Partnern im Gesundheitswesen etabliert. Sie steht auf einem soliden Fundament, entwickelt sich ständig weiter und hat sich als kostengünstig und effizient erwiesen.
Dass davon auch andere profitieren wollen, ist naheliegend: landauf, landab werden Behandlungen angeboten, die im Grunde genommen auf einem einzigen Teilbereich der Chiropraktik beruhen. In Schnellkursen wird für viele tausend Franken eine dünne Ahnung vermittelt, und die Absolventen - einige nennen sich Vita- und Atlaslogen - machen sich auf, das Kursgeld wieder einzutreiben. Ohne seriöse Diagnose werden Behandlungen angeboten, deren Lückenhaftigkeit gefährlich werden kann.
Und was machen die Behörden, die über die Sicherheit im Gesundheitswesen wachen? Welche Frage: nichts natürlich. Auch Fussgängerstreifen malt man schliesslich erst, wenn ein paar Unschuldige überfahren worden sind.
Es liegt also wieder einmal bei der Patientin und beim Patienten, sich zu schützen. Am besten mit einer Frage: wieviel Vertrauen verdient eine Methode, die einen kleinen Teil einer umfassenden Disziplin als ausreichendes Ganzes anpreist?
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