HMO- und Hausarzt-Modelle: Wie soll es weitergehen?
Krankenversicherung «Gesteuerte Gesundheitsversorgung» ist umstritten
aus AARGAUER ZEITUNG S.28, Mo. 13. Oktober 1997
JOSEF AMRElN
Managed Care» oder «gesteuerte Gesundheitsversorgung» heisst das Zauberwort zur Sanierung des Gesundheitswesens. Landauf, landab propagieren Gesundheitspolitikerinnen und -politiker sowie Megakassen unter dem Slogan «Kosten sparen» HMO- und Hausarztmodelle. Für Versicherte ist es die einzige Möglichkeit, weniger hohe Prämien zu entrichten. Wenn sie sich verpflichten, immer zuerst das Gesundheitszentrum der Krankenkasse, den HMO-Arzt oder die Hausärztin aufzusuchen, winken ihnen Rabatte von bis zu 20 Prozent, Wegfall von Selbstbehalt und Franchise.
Fehlender Bericht des BSV
Doch: Von einer Evaluation ist bis heute nichts zu sehen. Seit 1995 verspricht das federführende Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) alle paar Monate, der umfassende Bericht werde jetzt dann erscheinen. Neuestes in Aussicht gestelltes Datum: Herbst 1997. Schuld an der Verzögerung seien, so Till Bandi, Statistiker des BSV, die zu spät eingetroffenen Krankenkassendaten. Anders sehen es die Kassenvertreter: «Bewusste Zurückhaltung» seitens des BSV, um Bewährtes nicht zu gefährden.
Nicht länger warten wollten die Ärzte der HMO-Praxis Zürich-Wiedikon (SanaCare, Tochtergesellschaft der Konkordia und KFW Winterthur). In einem «Erfahrungsbericht» kommen sie zum Schluss, dass mit «dieser Versicherungsform substantielle Kostendifferenzen von über 30 Prozent in der Grundversicherung zu realisieren» seien. Die Krankenkassen sind offenbar im Besitz der Daten. Kritiker sind skeptisch, zumal Studien aus Amerika vorliegen, die bei vergleichbaren HMO-Modellen keine Kostenersparnis feststellen konnten. Das BSV spricht von einer «Parteiuntersuchung». Richtig: Eine Positivselektion «gesunder» und «gesundheitsbewusster» Patientinnen und Patienten konnte ebensowenig ausgeschlossen werden wie ein selektives Auswählen der HMO- Ärztinnen und -Ärzte: Es bleibt offen, ob diese aufgrund ihrer Einstellung und Motivation nicht auch in einer konventionellen Arztpraxis eine kostengünstige(re) Medizin betreiben würden. Kurz: Dringend gefragt ist eine sozialwissenschaftliche Auswertung. Und die gibt viel Arbeit. Ob das BSV deshalb so lange mit dem Bericht auf sich warten lässt?
Weitere HMO-Praxen
Nichtsdestotrotz wurden seit 1990 weitere HMO-Praxen eröffnet. Mittlerweile dürften es über dreissig sein. Allein die Swica betreibt 15 Gesundheitszentren, wo den Versicherten über Fitness und Sport bis Esoterik und Meditation praktisch alles angeboten wird, was das Herz begehrt. Doch wer bezahlt diese Luxuspflege? In Tat und Wahrheit schreiben die meisten HMO-Zentren rote Zahlen. Subventioniert wird (vorerst) quer. Beatrice Huber, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SGAM), ist überzeugt: «HMOS sind blasse Attrappen, Köder der Krankenkassen.»
Auch um die Hausarztmodelle, welche die Versicherten verpflichten, im Krankheitsfall zuerst den Hausarzt aufzusuchen, ist es schlecht bestellt: Trotz Massenzuwachs gilt auch hier: Das Versprechen einer (erheblichen) Kostenersparnis ist bisher nicht eingelöst worden. Die SanaCare will zwar beim Winterthurer Hausarzt-Vorzeigemodell «Wintimed» Einsparungen um die zwanzig Prozent gemacht haben. Sie gesteht aber, dass die Mehrzahl der Patientinnen und Patienten in der Regel bereits vor der Einführung des Hausarztmodells zuerst den Hausarzt aufgesucht hätten. Auch die Vereinigung der Versicherten Schweiz (VdV-CH) .warnt vor einer «unkritischen Übernahme von Wunderrezepten wie HMOs und Hausarztmodellen». Ihrem Sekretär Max Künzi geht die Einführung zu schnell, zudem vermisst der Gesundheitsökonom die «Evaluationskultur» im Schweizer Gesundheitswesen.
Krankenkassen bremsen
In den letzten Wochen scheinen nun auch die Krankenkassen kalte Füsse bekommen zu haben. Sie wollen vor einem Weiterausbau der Hausarztmodelle vorerst Abstand nehmen. «Die Krankenkassen wollen nicht mehr mitmachen», hört man mittlerweile von interessierten Ärztinnen und Ärzten aus verschiedenen Landesteilen. Es stellt sich die Frage, ob alternative Versicherungsmodelle nicht vermehrt losgelöst von der Vorstellung realisiert werden sollen, sofort riesige Prämienrabatte herauswirtschaften zu müssen. Etwa im Sinne eines kreativen Lernprozesses in Kommunikation und Kooperation zwischen Arzt, Patient und Krankenkasse. Ärzte mit Erfahrung im Hausarztmodell fordern vermehrten Einblick in die Kostentransparenz: Nur mit einem detaillierten Einblick in die praxisexternen Rechnungen (Physiotherapie, Labor, Spitalaufenthalte) sei für den Hausarzt ersichtlich, was seine Anordnungen wirklich kosten und ob sie sinngemäss ausgeführt worden sind.
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