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Verteilkampf um Ware Patient

aus Tages-Anzeiger S. 17, Mo. 21 Juli 1997
Von Dr. med. Niklaus Brand, Hausarzt, Zürich

Hausarztmodelle sind die Früchte eines Verteilungskampfes unter Ärzten und auch unter Krankenkassen um die Ware Patient. Das ist nichts Verbotenes, es sollte aber auch nicht verschwiegen werden. Denn sonst riskiert der Patient, ohne es zu wissen zum Spielball divergierender Interessen der Mitspieler im Gesundheitswesen zu werden.

Immerhin ist es erstaunlich, dass die Liberalisierung, die das KVG hätte bringen sollen, von Kassen und Ärzten zuallererst dazu benutzt wurde, die Freiheit des Patienten einzuschränken. Liberalisierung also möglichst nur für die Anbieter im Gesundheitswesen, aber doch bitte nicht für die Patienten.

Anfänglich gedacht als Gegengewicht zu den kasseneigenen HMO, dienen Hausarztmodelle heute in erster Linie dazu, Patienten vertraglich an bestimmte Ärzte und Kassen zu binden. So lässt sich die Konkurrenz leichter ausschalten als mittels überzeugender Leistungen.

Das Argument, weniger Prämien bezahlen zu müssen, wiegt bei der gegenwärtig unerträglich hohen Prämienlast natürlich schwer. Trotzdem sind Hausarztmodelle insgesamt gesehen nicht besonders erfolgreich. Wie im Artikel erwähnt, finden sie vor allem bei jenen Patienten Anklang, die bis jetzt schon auf freiwilliger Basis ihren Hausarzt als erste Anlaufstelle aufgesucht oder sich auf andere Art kostengünstig verhalten haben, zum Beispiel, indem sie selten krank waren.

Solche Patienten sind für die Kassen «gute Risiken». Wenn jetzt die guten Risiken der Normalversicherung abgehen, indem sie sich in eigenen Strukturen organisieren, führt dies zwangsweise zur Entsolidarisierung unter den Versicherten und zu einem weiteren Prämienanstieg in der Normalversicherung. Wir haben das alles schon einmal gehabt und offenbar nichts daraus gelernt.

Deshalb werden über das Ganze gesehen auch mit Hausarztversicherungen nicht wirklich Kosten gespart. Die Vertragsärzte werden ihre hausarztversicherten Patienten nicht plötzlich anders behandeln, als sie dies vorher getan haben. Sie würden sich sonst dem Vorwurf aussetzen, entweder bisher zuviel für ihre Patienten getan zu haben oder aber ab jetzt zuwenig für sie zu tun.

Der einzige, der in Hausarztmodellen auf etwas verzichtet, ist der Patient. Er verzichtet nämlich auf sein Recht auf freie Arztwahl und auf sein Recht, seine Unzufriedenheit mit einem Arzt dadurch kundzutun, dass er den Arzt wechselt. Er kann auch nicht von sich aus die Meinung eines zweiten Arztes einholen, wenn sein Vertragsarzt damit nicht einverstanden ist. Etwas ganz Erstaunliches, wenn man bedenkt, dass die gleichen Krankenkassen in anderen Versicherungen Prämienreduktionen für jene Patienten anbieten, die sich verpflichten, vor gewissen medizinischen Eingriffen eine Zweitmeinung einzuholen.

Es muss ganz klargestellt werden, dass die Vertragsärzte in Hausarztmodellen auf gar nichts verzichten müssen. Sie arbeiten nach den exakt gleichen Tarifen wie alle anderen Ärzte. Sie haben aber den Vorteil, dass ihnen die Patienten nicht so einfach davonlaufen können. Wenn also in solchen Modellen tatsächlich Kosten gespart werden, dann nur, weil sich die Patienten kostengünstig verhalten. Daher müssen allfällige Ersparnisse einzig und allein den Patienten zukommen.

Es ist doch einfach nicht logisch, dass das System den Vertragsärzten einerseits Patienten garantiert, die sie zu den gleichen Tarifen wie alle andern behandeln dürfen, andererseits aber noch zusätzliche Gewinne an den durch die Patienten eingesparten Kosten ermöglicht.

Eine weitere Ungereimtheit liegt in der latenten Unterstellung Hausärzte arbeiteten billig und Spezialärzte teuer. Es ist doch nicht von der Hand zu weisen, dass in vielen Fällen ein Spezialist durch das unbestritten profundere Wissen in seinem Fachgebiet viel direkter zum anvisierten medizinischen Ziel gelangt als selbst der beste Hausarzt. Die Gleichungen Spezialist = teuer = böse und (Vertrags-)Hausarzt = billig = gut stellen eine unzulässige Simplifizierung dar.

Die administrativen Aufwendungen in Hausarztmodellen sind deutlich höher als anderswo. Man muss sich fragen, ob es in einer Zeit knapper Mittel nicht angebrachter wäre, möglichst viel von unseren Prämiengeldern für die medizinische Versorgung aufzuwenden, anstatt sie in einer aufwendigen Administration verpuffen zu lassen.

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