Chiropraktik 1895 -1995
Festakt Samstag, 27. Mai 1995 - Kursaal-Casino Luzern
Die Bedeutung der Chiropraktik als Heilmethode
Gastreferat anl. 100-Jahr Jubiläum der Chiropraktik, 27.5.1995
Von Dr.med. Guido A. Zäch / Klinikdirektor und Chefarzt / Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil
Herr Präsident
Herr Regierungsrat, verehrte Gäste
Meine Damen und Herren
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen
An Ihrem Festakt zum 100 Jahr-Jubiläum der Chiropraktik zu Ihnen über die 'Bedeutung der Chiropraktik als Heilmethode' sprechen zu dürfen, ist eine grosse Ehre für mich und zugleich eine gewagte Herausforderung. Wäre die gestellte Aufgabe nicht schwierig, hätte sie mich wohl kaum interessiert, denn überall dort, wo die helvetische Messlatte des beschwichtigenden Mittelmasses nicht genügt, bin ich engagiert dabei. Zu meiner Überraschung fand ich bald verblüffende Parallelen im leidvollen Werdegang der Anerkennung der chiropraktischen Behandlung und der ganzheitlichen Rehabilitation von Paraplegikern. - Doch davon später- zuerst möchte ich mich kurz vorstellen.
Mein Name ist Zäch und ich bin es auch. Herr Regierungsrat Fellmann kann Ihnen das bestimmt bestätigen. Vor 30 Jahren wurde ich Arzt, 18 Jahre war ich Chefarzt des Paraplegikerzentrums in Basel, seit 5 Jahren leite ich das von mir geplante und gegen alle erdenklichen politischen, kollegialen und finanziellen Hindernissen gebaute und trotz frustrierender Opposition der Schweizerischen Sanitätsdirektoren-Konferenz und einem armseligen Abseitsstehen der kantonalen Gesundheitsdirektoren, erfolgreich wirkende Schweizer Paraplegikerzentrum Nottwil. Im Herzen der Schweiz nehmen wir Querschnittgelähmte aus allen Kantonen auf. Ich bin also im Kanton Luzern tätig, wohne im aargauischen Zofingen, habe ein halbes Berufsleben in Basel verbracht, bin und bleibe aber St. Galler.
Wohl zutreffend wird ein St.Galler von den Baslern als Kreuzung zwischen einem Zürcher und einem Menschen definiert. Die Zürcher ihrerseits sind bekanntlich Österreicher, die während der Völkerwanderung zu weit gegangen sind. So weit wollten meine Vorfahren nicht gehen, das erklärt wohl auch, warum mein Heimatort Oberriet an der Landesgrenze im sanktgallischen Rheintal liegt.
Einleitend möchte ich zwei Zitate zu bedenken geben. Das erste bezieht sich auf meine damaligen Ausbaupläne in Basel zur besseren Betreuung von Querschnittgelähmten. Es ist ein Entscheid vom 24. Februar 1977. Der Basler Regierungsrat lehnte damals die Errichtung eines Hauses zur Betreuung von Tetraplegikern, das sind an allen vier Gliedmassen gelähmte Mitmenschen, mit der Begründung ab: 'Ganz allgemein müssen wir in Basel Wert auf die vermehrte Wiederansiedlung sogenannt 'normaler Familien' legen. Pflegebedürftige, alte, kranke und invalide Kantonseinwohner sind bereits in einem den gesamtschweizerischen Durchschnitt weit übersteigenden Masse vorhanden. Ihr weiterer Zuzug aus der ganzen Schweiz ist sicher nicht zu fördern.' Kein nachweisbarer Bedarf also. Das zweite Zitat verlangt nach einer kurzen Erklärung. Im Juni 1936 reichte der Zürcher Verein der Chiropraktoren zur gesetzlichen Anerkennung der Chiropraktik in der Schweiz ein diesbezügliches Initiativbegehren ein. Die Gesundheitsdirektion von Zürich setzte, wie so üblich, eine Expertenkommission ein, um die Bedeutung der Chiropraktik 'gründlich und unvoreingenommen' abzuklären. Die Kommission, in der zahlreiche bedeutende Mediziner vertreten waren, kam in einem 199 Seiten umfassenden Gutachten zu folgenden Schlussfolgerungen: 'Die Chiropraktik ist die willkürliche und unbewiesene Theorie eines amerikanischen Spezereihändlers. Sie wird in Amerika an sogenannten Hochschulen gelehrt, deren Programm nicht viel über dem einer schweizerischen Sekundarschule steht. Die angeblichen Heilerfolge dieser Theorie halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand.'
Soweit das Verdikt der Gutachter. Der Zürcher Regierungsrat und der Kantonsrat lehnten in der Folge die Initiative ab. Aus beiden peniblen Situationen gab es, sowohl in Basel als auch in Zürich, schliesslich einen erfreulichen Ausweg. Bis es soweit war, stellt man im Vorfeld noch eine zweite bemerkenswerte Parallele fest. Durch die Gründung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung am 12. März 1975, wurde die breite Basis geschaffen, um zukünftig die ganzheitliche Behandlung aller Querschnittgelähmten der Schweiz ab Lähmungseintritt und die lebenslange Betreuung zu garantieren. Aus Wut über die Stiftungsgründung strengte der Basler Bürgerrat gegen mich ein Disziplinarverfahren an, das nach zermürbenden monatelangen Auseinandersetzungen mit einem Verweis endete und Jahre später mit dem Antrag auf Nichtwiederwahl als Chefbeamter den endgültigen Abschluss - fand. Noch ruppiger erging es Simon Müller, übrigens einem Luzerner, der bereits 1932 eine Praxis als Chiropraktor auf Zürcher Boden errichtete. Die Reaktion der etablierten Medizin war unerbittlich. Die Standesorganisation setzte durch Verzeigungen die Justiz in Bewegung: Simon Müller und hernach auch Emil Siegrist, beides Pioniere der Chiropraktik, wurden gebüsst. Weil Müller sein erfolgreiches Wirken zur Schmerzlinderung unerschrocken fortsetzte, wurde seine Praxis versiegelt und er selber zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er schliesslich im Bezirksgefängnis Meile abzusitzen hatte. Die Fortsetzung der Geschichte ist hier und dort bekannt.
Die stets wachsende Zahl der Mitglieder der Gönnervereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung - zur Zeit sind es 940'000 erlaubte die Ausarbeitung konkreter Baupläne, für ein in seiner Gesamtheit des Angebotes weltweit erstmalig verwirklichtes Paraplegiker-Zentrum. Nachträglich sind die herzlosen Ablehnungen der Ausbaupläne in Basel und die unverständliche Verweigerung eines Umzonungsbegehrens in Risch am Zugersee nur noch peinliche Anekdoten der Vergangenheit. Das gesteckte Ziel konnte in Nottwil mit der Eröffnung des Schweizer Paraplegiker-Zentrums am 1. Oktober 1990 erreicht werden, dank des intuitiv besseren Verständnisses der Bevölkerung, welche die Abwehrhaltung bestimmter Gesundheitsdirektionen mit wachsendem Unmut verfolgt. Jährlich werden in Nottwil über 500 Querschnittgelähmte stationär und über 5000 ambulant behandelt. Eine mit 162'000 Unterschriften versehene Petition zur Unterstützung des Paraplegiker-Zentrums Nottwil durch die Kantone ist vorerst ohne Antwort geblieben. Es ist allerdings zu beachten, dass die durchschnittliche helvetische Latenzzeit zwischen Einsicht und Vernunft zehn Jahre dauert. Es braucht also Geduld und Durchhaltevermögen.
In Zürich bewegten die damaligen harten Reaktionen der Behörden die (Öffentlichkeit in ausserordentlichem Masse. Die Patienten formierten sich als Verein Pro Chiropraktik zur Durchsetzung ihres Rechtes auf Behandlung durch qualifizierte Chiropraktoren. Nach einem leidenschaftlich geführten Abstimmungskampf entschied sich der Zürcher Souverän am 22. Januar 1939 für die Zulassung der Chiropraktoren zur Krankenbehandlung. 'Das Zürcher Volk fesselt keine heilenden Hände' hiess damals die Ja-Parole. Das war der Durchbruch. Diese gesundheitspolitisch wichtige Weichenstellung hatte gesamtschweizerische Wirkung. Weitere Kantone folgten diesem Entscheid. Eine durch 400'000 Unterschriften unterstützte Petition hat mitgeholfen im Kranken- und Unfallversicherungsgesetzes KUVG, gültig seit 1965, die chiropraktorischen Tätigkeiten in den Leistungsbereich der Krankenkassen und Unfallversicherungen einzubeziehen. Die Schweizerische Vereinigung Pro Chiropraktik verdient für ihren konsequenten Einsatz Dank und Anerkennung.
Doch heute feiern wir ein Ereignis, das 100 Jahre zurückliegt. Der Amerikaner David Daniel Palmer hat ein Verfahren zur Behebung reversibler Störungen des Wirbelsäulen-Funktionsgefüges beschrieben und systematisch in eine wirksame Therapieform umgesetzt. Manipulationen in Wirtschaft, Religion und Politik sind seit jeher bekannt und werden auf vielfältige Weise in unschöner Art angewandt. Manipulationen an Wirbelsäule und Becken, zur Behandlung wirbelbedingter Leiden, wurden bereits in der Antike durch Hippokrates und Galen durchgeführt. In Brauchtum und Literatur überliefert hat Palmer die Idee wieder aufgegriffen. Das für den Menschen zentrale Achsenorgan, beim Politiker unterscheidet man zwischen Wirbelsäule und Rückgrat, eine Wirbelsäule haben alle, ist für die Haltung und Bewegungsabläufe von tragender Bedeutung. Nach den Vorstellungen des Gründers der Chiropraktik, wird durch die Manipulation an der Wirbelsäule der 'Nervfluss' in den Körper gewährleistet, respektive aktiviert, um innere Heilungskräfte zu mobilisieren. Der Umstand, dass der Chiropraktor keine Medikamente abgibt, keine invasiven Methoden wählt und nicht handwerklich-chirurgisch tätig sein will, zwingt ihn, mit anderen Behandlungsformen, durch sein Handheilverfahren, eben die Chiropraktik, den notwendigen Erfolg zu erreichen. Vielleicht wird die Verständlichkeit gefördert wenn man den ursprünglichen Sinn der Begriffe in Erinnerung ruft: Der vom Bader und Feldscher oder Wundarzt hervorgegangene Chirurg, was wörtlich cheir 'Hand' und ergon 'Werk' eigentlich 'Handwerker' heisst, übt seine Heilkunst durch operative Eingriffe aus. Die Chiropraktik, die Anwendung' der Hand zu Heilzwecken, steht auch ausserhalb der Allopathie der Mediziner, die bei ihrem üblichen Heilverfahren gegen eine Krankheit Mittel anwenden, die eine der Krankheitsursache entgegengesetzte Wirkung haben. Im Gegensatz zur Allopathie versucht die Homöopathie mit kleinsten Dosen von Mitteln zu behandeln, die beim Gesunden die gleichen Krankheitserscheinungen hervorrufen würden, nach dem Grundsatz: Ähnliches ist durch Ähnliches zu heilen. Da kommt also die Chiropraktik und will es anders machen, als alle andern - und das Erstaunlichste: Die Chiropraktik hat Erfolg, bisweilen auch dann, wenn alle bisher angewandten Heilmethoden versagten. Das verunsichert die Fachwelt, wirft Fragen auf, es wird nach Wirkungsmechanismen gefragt, nach konkreten nachvollziehbaren Heilungsverläufen mit belegbaren Quervergleichen zwischen Eintrittsbefund und Schlussresultat. Aber wo liegen denn die wichtigsten Indikationen für chiropraktische Behandlungen.
In der Prophylaxe sind es die Untersuchungen bei Kindern und Jugendlichen auf Störungen des Bewegungsapparates. Die Arbeitsplatzeinrichtung und allgemeine Wirbesäulenhygiene gehören dazu.
In der Rehabilitation des Achsenorgans, beispielsweise nach traumatischer Verletzung der Wirbelsäule, ist der Einsatz des Chiropraktors selbstverständliche Notwendigkeit. Die unfallbedingte Schädigung begrenzt sich bekanntlich selten auf die Höhe der Wirbelfraktur allein. Zusätzlich bestehende Funktionelle Blockierungen auf mehreren Etagen der Wirbelsäule können durch chiropraktische Manipulation gelöst werden. Im Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil ist der Chiropraktor hochgeachteter Partner und geschätzter Consiliarius. Ich möchte an dieser Stelle unserem Chiropraktor und meinem lieben Freund Dr. Ernst Schroeder für seinen fachkompetenten Beitrag innerhalb des Rehabilitationsteams herzlich danken.
Die therapeutischen Einsatzmöglichkeiten und die Indikationen der Chiropraktik sind erfahrungsgemäss immens breit und reichen von Zahn-, Ohren-, Kopfschmerzen über Migräne, Torticollis, Schleudertrauma, Schulter- und Armschmerz zum lateralen Tennisarm über den medialen Golferellbogen bis zum Karpaltunnelsyndrom. Von den Dorsalgien über Asthma, Rippenschmerzen, Discushernien, Lumbalgien, Lumboischialgien, Inguinal-, Hüft-, Knie- und Fussschmerzen bis hin zur Dysmenorrhoe und Impotenz. Es ist nicht die heutige Aufgabe, Ihnen im Detail Indikationen und Kontraindikationen aufzuzeigen. Ich wollte nur andeuten, wo überall sinnvoller chiropraktischer Einsatz sich wohltuend auswirken kann. Die Chiropraktik hat sich als Therapiemöglichkeit innerhalb der Heilkunde einen hohen Stellenwert gesichert. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit hat wesentlich zum Verständnis auf schulmedizinischer Seite beigetragen. Im Zentrum steht aber der leidende Mitmensch, der durch chiropraktische Massnahmen Heilung oder Linderung findet.
Wo liegen die Schwerpunkte für die Zukunft?
Die Chiropraktik wird ihre pathogenetischen Auffassungen und Vorstellungen sowie ihre therapeutischen Massnahmen einer soliden wissenschaftlichen Begründung unterziehen. Die Chiropraktik muss ihre manipulativen Techniken weiterentwickeln und durch permanente Qualitätskontrollen überprüfen.
Die Chiropraktik wird auch zukünftig das Schwergewicht auf die nicht medikamentösen und nicht invasiven, konservativen Therapien wirbelsäulenbedingter Beschwerden und Funktionsstörungen legen.
Die von der Chiropraktik aus Gründen der Statik zurecht geforderten Röntgenaufnahmen im Stehen werden durch cineradiologischen Techniken einschliesslich funktioneller CT- und MRI-Verfahren ergänzt, um segmentale Funktionsstörungen im Bewegungsablauf dokumentieren und besser beurteilen zu können.
In der Schweiz ist ein adaequater Ausbildungsgang wie in den USA oder Canada festzulegen mit eidgenössischer Zertifizierung und vollwertiger Anerkennung der akademischen Titel durch schweizerische Fakultäten. Ein entsprechender Antrag ist an die Interfakultätskonferenz der medizinischen Fakultäten zu richten.
Die zuverlässige Qualitätssicherung durch post-graduate Ausbildungsgänge ist analog des FMH Titels durch regelmässige obligatorische Kurse am Weiterbildungsinstitut in Bern oder in einem neu zu errichtenden Institut für Chiropraktik in Nottwil in Zusammenarbeit mit einer oder mehreren Medizinischen Fakultäten durchzuführen. In Nottwil sind Chiropraktoren jederzeit herzlich willkommen.
Die Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit innerhalb der Kliniken durch Integration von Chiropraktoren als Partner im ärztlichen Behandlungsteam ist eine wichtige Zukunftsaufgabe. Dabei ist die Absprache der chiropraktischen Behandlungspläne mit allen im Therapieverfahren involvierten Medizinalpersonen nötig, um unüberprüfbare Polypragmasie zu vermeiden.
Die Chiropraktik muss ihren selbständigen und unabhängigen Berufsstand innerhalb des Gesundheitswesens klar definieren und halten. Die Förderung des Wir-Gefühis und der Zusammengehörigkeit ist die Grundvoraussetzung dafür. Sie dürfen zurecht stolz sein auf Ihren Berufsstand.
So, das war es. Mit den Festrednern ist es so wie mit den Politikern: Man hat die, die man wählt. Zur eindrücklichen Jubiläumsfeier möchte ich der Schweizer Chiropraktoren Gesellschaft gratulieren und all ihren Mitgliedern eine heilende Hand wünschen. Abschliessen möchte ich mit einem Zitat Ihres Präsidenten Dr. Heini Kohler aus seinem Einladungsschreiben an mich zum heutigen Festakt: " Die Chiropraktik brachte die Erkenntnis ein, dass statische und dynamische Anomalien der Wirbelsäule therapeutisch beeinflussbar sind. Sie lieferte die fundamentale Einsicht, dass die Wirbelsäule nicht nur als pathogenetisches "Erfolgsorgan". sondern auch als bedeutender Faktor der Pathogenese und als Hebel der Therapie erkannt worden ist."
Der Feststellung ihres Präsidenten kann ich nur beipflichten: Das ist die Bedeutung der Chiropraktik als Heilmethode.
Dr.med.Guido A.Zäch
Klinikdirektor und Chefarzt
Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil
Nottwil, 27.Mai 1995