Weiterbildungskurs in Chirogymnastik (nach Dr. Max Widmer)
Von Dr. Max Widmer , Chiropraktor
Am 20. Juni 1998 fand in Baden der zweite Weiterbildungskurs in Chirogymnastik statt.
In seiner Begrüssung wies der SVPC Präsident, Dr. iur. Ernst Kistler unter anderem auch darauf hin, dass die Gymnastiklehrerinnen und -lehrer ein wichtiges Bindeglied zwischen Patient/in und Chiropraktor/in seien. Dankesworte gingen an den Organisator dieses Weiterbildungskurses, Dr. Max Widmer Chiropraktor, sowie an dessen Gymnastikteam, Astrid Buser und Regula Mosbeck, für ihre spontane Bereitschaft auch dieses Jahr wieder aktiv mitzumachen.
Der Vizepräsident der SVPC, Josef Gilli, freute sich, wieder eine so grosse Zahl von Kursbesucherinnen und einen Kursbesucher begrüssen zu können. Er gab bekannt, dass der 3. Weiterbildungskurs am 19. Juni 1999 in Baden und auch wieder unter der Leitung von Dr. M. Widmer stattfinden werde.
Das Referat von Dr. Rolf Wespi, «Kraft als Präventionsfaktor?» beziehungsweise «Rückengerechte Kräftigungstherapie» fand grosse Beachtung. Der Referent betonte, chronische Rückenschmerzen seien immer mit einer massiven Abschwächung der Rückenstrecker verbunden. Durch gezieltes Training der Rumpfmuskulatur könnten diese jedoch gelindert werden. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede seien jedoch zu beachten. So sind etwa die Extensoren oder Flexoren bei Frauen 40% beziehungsweise 30% schwächer als bei Männern. Ebenso sind tagesrhythmische Veränderungen festzustellen: Die Streckmuskulatur bei Männern/Frauen leistet um 16.00 h/10.00 h ihre Maximalkraft, und das Minimum bei Männern/Frauen wird um 13.00 h/ 17.30 h festgestellt. Diese Kenntnis ist speziell bei Leistungssportlern zu berücksichtigen.
Die Indikation für ein Rückenaufbautreining
- Rezidivierende Bandscheibenleiden
- Stabiler Bandscheibenvorfall
- Bandscheibenprotrusionen
- Spondylolysen
- Spondylolisthesen
- Osteochondrosen
- Spondylarthrosen
- Osteoporose
- postoperative Rehabilitation
- posttraumatischeWirbelsäulenprobleme
- Zwischenintervalle bei entzündlichen Erkrankungen, wie z.B. M. Bechterew
Absolute Kontraindikation für ein Rückenaufbautraining
- Frakturen bis vier Monate danach
- Narbenbrüche
- jugendl. M Scheuermann
- akuter Bandscheibenvorfall/Hernie
- grüner Star = Glaukom
- Skoliose im Wachstum
- Schwere Gefässerkrankungen
- Herz- und Kreislauferkrankungen
- akute entzündliche Erkrankung
- progrediente Wirbelsäuleninstabilität
- akuter Bandscheibenvorfall
Für einen Trainingserfolg massgebend sind der Ausschluss von Kontraindikationen, das Stadium der Chronifizierung und die innere Einstellung der Patienten. Erfahrungsgemäss kann ein 21wöchiges Trainingsprogramm sehr erfolgreich sein. Untersuchungen zeigten, dass fast 80% der Patienten eine Schmerzreduktion und 10% Schmerzfreiheit erlangt haben. Dank dem Krafttraining ist zudem der Medikamentenkonsum drastisch um bis zu 60% gesunken und die Arbeitsunfähigkeit nach Therapieende um 80% vermindert worden. Nicht unwesentlich ist auch die Wirkung der Muskelkraft im Alter bei Osteoporose: Der Kraftzuwachs durch Krafttraining im Alter schwankt zwischen 9 und 227%. Härtere Knochen könnten ganz allgemein bei aktiven Läuferinnen über 50 Jahren festgestellt werden. Gehen, Laufen oder Gymnastik zwei mal pro Woche während einer Stunde über acht Monate ausgeübt, führt zu einer Zunahme der Knochendichte von 3.5%, während gleichaltrige Inaktive 2,7% verlieren.
Die dipl. Gymnastiklehrerinnen Astrid Buser und Regula Mosbeck demonstrierten gezielte Kräftigungsübungen mit dem Gymnastikball und dem Tera-Band, welche von den Anwesenden mit grossem Einsatz mitgeturnt wurden.
Nach dem Mittagessen sprach lic. phil. Walter Franzetti, Psychotherapeut SPV, zum hochinteressanten Thema «Kommunikation kann durch Angste und Arger blockiert werden». Kommunikation entsteht dort, wo zwei Menschen sich wahrnehmen. Durch Ängste und Ärger wird die Kommunikation gestört. Franzetti erklärte die Kommunikationsstörung anhand eines Bildes: Zwei Menschen stehen vor dem Säntis, eine Person betrachtet ihn von Norden, die andere von Süden. In dieser Situation beschreiben die beiden Menschen den Säntis unterschiedlich und die Antwort ist klar: Beide sagen, was der andere beschreibe, sei keinesfalls der Säntis. Um Klarheit zu erhalten, müssten beide im Kreis miteinander rund um den Säntis gehen und dem jeweils anderen zuhören, wie er den Berg beschreibt. Weiter sprach er die anwesenden Gymnastiklehrerinnen direkt an: «Sie machen Chiro-Gymnastik, Sie arbeiten also mit Menschen, die ein Leiden beseitigen möchten. Im Umgang mit diesem Leiden sind als Medizinalpersonen die Chiropraktoren und Sie beteiligt. Mit den leidenden Menschen kann nur eine optimale Bedürfnisbefriedigung erreicht werden, wenn sowohl gegen die Schmerzen, als auch für das seelische Wohlbefinden des Patienten oder der Patientin etwas getan wird. Vor allem muss darauf geachtet werden, dass die Beziehung nicht durch Angst oder Ärger blockiert wird. Mit Rückfragen und Rückmeldung beim Chiropraktor können verhängnisvolle Kettenreaktionen von gegenseitigem Missverständnis verhindert werden. Gefühle des Ärgers oder auch Angste, ob allenfalls das Leiden zu einem operativen Eingriff führt, können eine offene Kommunikation stören. Patienten kommen oft mit Ängsten oder einem Ärger und möchten wissen, ob sie dem Chiropraktor vertrauen können und ob die Gymnastiklehrerin ihre Arbeit fachgerecht ausübt». Häufig, so meinte Franzetti, übernehmen die Gesprächspartner die Angst oder den Arger des anderen. «Wenn Sie die Angst oder einen solchen Arger verspüren, geht es darum, diese Gefühle oder Affekte anzusprechen und das Gegenüber in ein problemlösendes Gespräch zu verwickeln. Selbstverständlich ist es sehr wichtig, dass man mit Arger- oder Angstäusserungen den anderen nicht verletzt oder verängstigt und er deswegen davonläuft. Solche Äusserungen über Angst oder den Arger sollten vom inneren Druck entlasten».
Zum Schluss sprach Dr. Markus Lauper über das Thema «Wirbelsäulenbelastung in Gymnastik und Training»: "Von den anatomischen Strukturen, aus welchen der Rücken aufgebaut ist (Muskeln, Wirbel, Gelenke, Bänder, Bandscheiben), ist die Bandscheibe als bewegliches Bindeglied zwischen den einzelnen Wirbeln und als wichtigster Stossdämpfer in der Wirbelsäule das verletzungsanfälligste, verschleissträchtigste jedoch wenig regenerationsfähige Elemente des Rückens. Eine Bandscheibe, von welcher es pro Wirbelsäule 23 Stuck gibt, besteht aus einem gallertartigen rundlichen Kern im Zentrum der Scheibe mit Stossdämpferfunktion und aus zwiebelschalenartig um ihn herum angebauten konzentrischen Reifen aus bindegewebigem Fasermaterial. Diese Bindegewebesreifen schützen den stossdämpfenden Kern wie der Velopneu den Schlauch. Bei Belastung der Wirbelsäule (schon das aufrecht Stehen bedeutet eine «natürliche» Belastung) wird der Gallertkern zusammengepresst und auseinandergedrückt. Er übt dadurch von innen her Druck auf die ihn umgebenden Bindegewebsreifen aus welche dadurch gedehnt und unter Zug gesetzt werden und so das ganze Bandscheibengefüge zusammenhalten und damit seine Integrität wahren. Für uns gilt es vor allem, diejenigen Mechanismen in unserem Alltag zu erkennen, welche primär auf die Bandscheiben als dem schwächsten Glied unseres Rückens schädigend wirken, also die Bandscheiben am ehesten überbelasten und so zu ihrem beschleunigten Verschleiss oder auch zu ihrer plötzlich eintretenden akuten Schädigung führen können. Hierzu wiederum ist es notwendig zu wissen, welche direkte mechanische Kraft der einzelnen Bandscheibe am meisten Schaden zufügen kann. Mit Hilfe der Physik und biomechanischen Überlegungen lässt sich zeigen, dass die direkt am meisten belastende und damit potentiell schädigendste Krafteinwirkung auf die Bandscheibe die vorangehend beschriebene Zugspannung auf die Bindegewebsfasern der einzelnen Faserschichten der Bandscheiben ist, und zwar - aus verschiedenen Gründen - vor allem der Bindegewebsfasern in der hinteren Hälfte der Bandscheibe. Es kann gesagt werden, dass die Bandscheiben grundsätzlich die grösste Belastung obengenannter Art erfahren beim Vorbeugen und/oder Drehen/ Rotieren der Wirbelsäule, insbesondere bei einer Kombination der beiden Bewegungen, wobei die Belastung im Stehen oder Sitzen noch deutlich stärker ist als im Liegen.
Vorsicht ist deshalb geboten bei folgenden Bewegungen, Stellungen oder Übungen, welche die Wirbelsäule involvieren:
- Kombination von Beugung und Rotation, vor allem im Stehen oder Sitzen
- Schwere Belastung durch Tragen oder Heben von Lasten in Kombination mit Beugung und/oder Rotation der Wirbelsäule. Die sicherste, die eigentliche Schutzstellung für die Bandscheiben speziell im Kreuz zum Heben schwerer Lasten ist eine aufrechte Haltung mit gerader/gestreckter Wirbelsäule mit einer leichten Lordose = leichtes Hohlkreuz im Lendenwirbelsäulenbereich, entsprechend der natürlichen Stellung der Wirbelsäule, wobei es ideal ist, diese Stellung durch mässiges Anspannen der Bauchmuskulatur kurz vor und während des Hebevorganges noch zu stabilisieren.
- Lange Hebelarme durch das Tragen/ Heben von Lasten weg vom Körper.
- Schnelle oder ruckartige Bewegungen, Bewegungen mit Schwung (Schwungübungen mit dem Oberkörper), insbesondere wenn die Bewegung ausgeführt wird bis in die maximal mögliche Endstellung.
- Kreiselübungen mit dem Kopf (belastend und heikel auch aus anderen Gründen)
- Bauchmuskelübungen im Sitzen oder Liegen mit starkem Vor/Aufbeugen des Oberkörpers.
Bei Rückenbeschwerden aufgrund von Wirbelgelenkreizungen oder abnützungsbedingten Veränderungen (Arthrose) der Wirbelgelenke ist zusätzlich zu obigen Punkten vor allem bei Bewegungen der Wirbelsäule in die Überstreckung (starkes Hohlkreuz) Vorsicht geboten: Kopfkreisel-Gymnastik, «Ruder»-Übungen im Sitzen oder andere Bauchmuskelübungen im Sitzen mit gestreckten und abgehobenen Beinen. Wer seinen Arbeitsplatz optimal rückengerecht einrichten, wer eine neue Sportart aufnehmen oder ein Fitness-/ Gymnastikprogramm in Angriff nehmen möchte, lässt sich mit Vorteil vorgängig von einer Fachperson bezüglich der potentiellen Schwachstellen seines Rückens, der entsprechenden Anpassungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz, der Rückentauglichkeit einer sportlichen Betätigung oder Gymnastikübung beraten (die gleiche Übung kann für den einen Rücken aufbauend, für einen anderen Rücken eher belastend wirken). Es ist- natürlich neben anderen Faktoren - die Summe der einzelnen kleinen, immer wieder repetierten mechanischen Überbelastungen, die den Verschleiss der einzelnen Wirbelsäulenbestandteile vorantreibt, welche' dann oft der Grund ist für das Auftreten entsprechender akuter oder chronischer Rückenbeschwerden im Verlaufe eines Lebens. Mit konsequentem Beherzigen einiger weniger, einfacher Grundregeln im Alltag können wir die übermässige Belastung der schwächsten Glieder unseres Rückens, der Bandscheiben, wenigstens bis zu einem gewissen Grad vermeiden und haben dadurch eine bessere Chance Rückenbeschwerden hinauszuzögern oder gar nicht erst auftreten zu lassen."
Vorsicht/Verbot bei folgenden Bewegungen, Stellungen, Übungen:
- Kombination von Flexion/Rotation, v.a. Stand
- Hyperextension
- Zusatzgewichte in Kombination mitVorhergehendem
- Lange Hebelarme in Kombination mit Vorhergehendem
- Kreisende/Kombinierte Bewegungen
- Schnelle, ruckartige Bewegungen mit Schwung
- Bewegung unter Belastung oder mit Schwung bis Endstellung
- Schwungübungen mit Oberkörper aus Stand; insbesohdere mit Vorbeugen und Kombination mitAbdrehen/Rotation Kopfkreisen (Gefahr seitens der Halswirbelarterien)
- «Rudern» und andere Bauchmuskelübungen mit gestreckten und abgehobenen Beinen
- Bauchmuskelübungen: Die meisten Bauchmuskelübungen enthalten eine Beugebelastung! Daher Beugung/Kyphosierung. speziell der Lendenwirbelsäule bei Ausführung der Ubung minimal halten.
Vor der Gymnastikinstruktion muss abgeklärt werden:
- Welche Schwachstelle hat der Klient/ die Klientin?
- Welche Partien der Wirbelsäule sind daher nicht belastbar und müssen geschont werden?
- Welche Ursache ist für die verminderte Belastbarkeit verantwortlich?
Vorgängige Abklärung beim Chiropraktor:
- Welche Ubungen müssen deshalb weggelassen werden?
- Welche Ubungen in welcher Ausgangsposition, welche Bewegungsabläufe in welcher Intensität sind adäquat?
Allgemeine Sicherheitsregeln bei der Chiro-Gymnastik:
- Im Zweifelsfall:
- Schutzstellung Lordose Beugung/Rotation im Stand nicht kombinieren, Bewegungen langsam ohne Schwung.
- Keine Bewegungskombination und keine zusätzliche Gewichtsbelastung in Extremstellung:
- Bewegungsumfang ist belastend für die Gelenke und die Bänder und birgt bei älteren Leuten mit Arteriosklerose, sowie bei jungen überbeweglichen Frauen das Risiko schwerwiegender neurologischer Komplikationen mit sich. Eine seriöse Rückengymnastik ist nur möglich in Gruppen von maximal 10 bis 12 Teilnehmenden.
Dr. Max Widmer dankte den Referenten für ihre fundierten Ausführungen und allen Teilnehmenden für das aktive Mitmachen.