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Neue Erkenntnisse zum Thema Schleudertrauma
Aus Neue Zürcher Zeitung vom 18.5.99, S. 56
Von Andreas Grote
Vermehrt weisen in letzter Zeit internationale Studien darauf hin, dass Autoinsassen, die bei einem Unfall ein Schleudertrauma erleiden, möglichst schnell zu normaler Aktivität zurückkehren sollten, sofern keine schweren Verletzungen vorliegen. Damit wird eine Praxisstudie der norwegischen Universität Trondheim bestätigt, die zum Schluss kam, dass physiotherapeutisch betreute Patienten günstigere Heilungsergebnisse erzielen als solche, die mit Orthesen ausgestattet werden.
Nachteile bei Orthesengebrauch
Die Mediziner untersuchten 201 Unfallopfer. Die eine Hälfte schickten sie nach dem Unfall nahezu unbehandelt in den Alltag zurück, die andere Hälfte erhielt eine «Halskrause» und blieb für einige Tage zu Hause. Ein halbes Jahr später hatten sich die Symptome bei den Patienten ohne Halskrause wesentlich deutlicher gebessert als bei der Vergleichsgruppe mit Kragen. Ziel der Behandlung eines Halswirbelsäulen(HWS)-Traumas ist es, die Beweglichkeit möglichst schnell wiederherzustellen und die verspannte Nackenmuskulatur zu lockern, damit typische Spätfolgen wie Schwindel oder Hörstörungen ausgeschlossen werden können. Im starren Kragen beginnen sich dagegen die Muskeln schon nach zwei Tagen zurückzubilden. Nur wenn der Patient den Hals vor Schmerzen nicht bewegen kann und sich so eine Fehlhaltung herausbildet, sei das kurzzeitige Anlegen des Halskragens für wenige Tage bei gleichzeitiger Aufnahme stabilisierender Krankengymnastik sinnvoll, meint Joachim Grifka vom deutschen Uniklinikum in Bochum, dessen Arbeitsgruppe sich auf die Diagnostik von Beschleunigungsverletzungen spezialisiert hat. Maximal vier Tage, so der interdisziplinäre Konsens sollte die «Schanzsche Krawatte» getragen werden. Etliche Hausärzte lassen ihre Patienten dennoch teilweise wochenlang mit dem Halskragen herumlaufen.
Damit der Patient auch ohne Kragen wieder mobil wird, könnten am Anfang schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente ihre Berechtigung haben und sanfte Mobilisationen und gezielte chiropraktische Behandlungen bei akuten und chronischen Beschwerden durchaus helfen, erklärt der Badener Chiropraktiker Dr. Max Widmer. Aber: «Länger dauernde Physiotherapie ist nicht notwendig und verlängert nur das passive Erleben dieser Verletzung.»
2622 Unfallopfer mit HWS-Verletzungen hat die Suva 1997 infolge von Autounfällen registriert und dafür über 6 Millionen Franken für Heilungskosten ausgegeben. Mediziner gehen bei 80 Prozent der Opfer von PW-Unfällen mit Personenschaden von einem HWS-Trauma aus. Durch die ruckartige, grosse Beschleunigung und ein Zurückschlagen des Kopfes verschieben sich im Bereich der Halswirbelsäule die Wirbelkörper gegeneinander. Die hohe Nervendichte und komplexe Anatomie im HWS-Bereich kann in der Folge zu sehr unterschiedlichen Symptomen führen. Nach dem Unfall klagen die Betroffenen oft über Seh- und Hörstörungen, Schmerzen in Kopf, Nacken, Armen und Schulterpartie, über Schwindel, Konzentrations- und Schlafstörungen und leichte Reizbarkeit. Etwa 70 Prozent der Unfallopfer verlieren ihre Beschwerden innerhalb einiger Wochen bis weniger Monate, 75 Prozent nach einem Jahr.
Falsch eingestellte Kopfstützen
Doch trotz steigenden Sicherheitsmassnahmen am Auto nimmt die Zahl der Unfälle mit HWS-Syndrom nicht ab. Der Grund: Nachlässigkeit der Autofahrer und Autohersteller. «Grundsätzlich ist die richtig eingestellte Kopfstütze eine wichtige Voraussetzung, um die Unfallfolgen zu minimieren», erklärt Martin Winkelbauer vom Kuratorium für Verkehrssicherheit in Wien. Die Kopfstütze stützt den Kopf und schützt so das Genick. Selbst bei geringen Kollisionsgeschwindigkeiten von 15 km/h ist die optimale Wirksamkeit der Kopfstützen, besonders beim unerwarteten Heckaufprall, von grosser Bedeutung. «Die meisten Fahrer sehen ihre Kopfstützen fatalerweise als Nackenstützen und stellen sie zu tief ein», erklärt der Zürcher Rechtsmediziner Prof. Felix Walz, «wodurch es dann bei stärkeren Geschwindigkeitsänderungen zu schweren HWS-Verletzungen kommen kann.»
Neue Untersuchungen gehen davon aus, dass nur rund 30 Prozent der Kopfstützen richtig eingestellt sind: «Oberkante in Scheitelhöhe, geringer, aber vorhandener Abstand zum Kopf», empfiehlt Kurt Vavryn, Leiter der Abteilung Fahrausbildung und Kfz-Technik am Wiener Kuratorium. Auch das richtige Anlegen des Sicherheitsgurtes ist von Bedeutung. Denn sowohl beim Rückprall nach einem Frontaufprall wie auch beim gestossenen Heck kann die Kopfstütze ihre volle Wirkung nur dann entfalten, wenn der Insasse nicht durch einen zu lockeren Gurt entlang der Rückenlehne nach oben gedrückt wird und dadurch die Kopfstütze ausser Position gerät. Leider verunmöglicht bei vielen Autos die Konstruktion der Kopfstützen besonders grösseren Personen die richtige Einstellung. Oft sind sie zu wenig weit ausziehbar, sind zu weit vom Kopf placiert oder fehlen auf den hinteren Plätzen ganz. Aber auch die meisten der heute verwendeten Sitze entsprechen selbst in der Oberklasse nicht den biomechanischen Ansprüchen, sondern folgen Erkenntnissen aus den 70er Jahren, wie Hermann
Steffan vom Institut für Mechanik an der TU Graz feststellt.
Wie beugt man HWS-Schäden vor?
Beim Autokauf
Kopfstützen müssen so weit ausziehbar sein, dass die Oberkante auf Scheitelhöhe liegt. In dieser Position müssen sie ausreichend fixiert werden können und dürfen nicht zu weit vom Kopf entfernt sein. Fahrer- und Beifahrer-Airbag sollten auf jeden Fall vorhanden sein.
Vor einer unvermeidlichen Frontalkollision
Beifahrer warnen, voll bremsen, Körper und insbesondere Kopf in Sie bzw. Kopfstütze drücken.
Vor einer unvermeidlichen Heckkollision
Auch im Stand voll auf die Bremse treten (Fahrzeug wird weniger nach vorne beschleunigt), Beifahrer warnen, Körper und insbesondere Kopf in Sie bzw. Kopfstütze drücken, geradeaus blicken.
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