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Bekanntes unbekanntes Schleudertrauma
Aus der Weltwoche, 2. September 1999
von Arthur Peter,
Ein Unfallphänomen mausert sich zur teuren Zivilisationskrankheit.
Der Volksmund nennt es Schleudertrauma. Mediziner reden lieber vom HWS-Syndrom oder von der Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule. Aber auch ihre Terminologie ist ein weites Feld, auf dem sich Diagnose und Unfallmechanismen begrifflich vermengen. Als Verletzungsphänomen bei Auffahrunfällen fast die Regel und deshalb ein «guter Bekannter» der Versicherer, gleicht das Schleudertrauma einem Warenhauskatalog unspezifischer Symptome - bis hin zu Schwindel und Angstzuständen, Seh-, Hör- und Konzentrationsstörungen. Mit der biomechanischen Seite von HWS, den überdehnten Muskeln, Bändern und Arterien, den verschobenen Bandscheiben, lädierten Halswirbeln und malträtierten Gelenkkapseln in der feingliedrigen Anatomie des menschlichen Halses beginnen sich nach den Unfallforschern nun auch die Autoproduzenten nachhaltiger auseinanderzusetzen.
Weil HWS-Schäden - zumeist Weichteilverletzungen - selten eindeutig diagnostiziert werden können, steht der Arzt oft vor einer heiklen Beurteilung: Krümmt sich da vor ihm nun ein «echter>> Patient oder ein Simulant? Eine US-Studie gipfelt in der Aussage, dass vierzig Prozent der Unfallopfer ein Schleudertrauma vortäuschen, um Schmerzensgeld zu erschwindeln. Auch Europa liefert Ungereimtheiten. Dr. med. Wolfram Hell, Unfallforscher am Münchner Institut für Fahrzeugsicherheit und dort in Diensten der deutschen Versicherungswirtschaft, staunt etwa darüber dass in Westdeutschland zehnmal mehr Schleudertraumata diagnostiziert werden als in Ostdeutschland.
Milliardenkosten
Die Unfallexperten kennen die einschlägigen Zahlenreihen. Danach machen Auffahrkollisionen im dichten Gegenwartsverkehr zehn Prozent aller Autounfälle aus. Bei diesen Crashs werden 18 Prozent der Fahrzeuginsassen verletzt. Gemäss der Unfallstatistik mit Personenschäden hat sich der Anteil von Blessuren der Halswirbelsäule in den letzten dreissig Jahren verdoppelt. In den USA liegen die medizinisch erfassten Schleudertrauma-Fälle Jahr für Jahr jenseits der Millionenschwelle von fünf HWS-Geschädigten tragen nach amerikanischer Lesart zwanzig bis vierzig Prozent länger anhaltende Beschwerden davon. In Deutschland spüren jährlich 200 000 Autopassagiere die «Nackenkeule» - Folgekosten: eine bis zwei Milliarden Mark. Zwischen A und 16 Milliarden Franken lautet der grob geschätzte EU-Vergleichswert. In der Schweiz bezahlt die Suva 1997 sechs Millionen «Heilungsfranken» für 2622 HWS-Traumatisierte.
Auf der Bahre zum Prozess
Im Klima des Ungefähren gedeiht der juristische Dschungel. Einer, der sich früh auf die Verrechtlichung des Phänomens Schleudertrauma kaprizierte und darüber ein Buch schrieb, war der 1996 verstorbene Melvin Belli. Dr. Max Widmer, Chiropraktor in Baden, erinnert sich an spektakuläre Auftritte des berühmt-berüchtigten Staranwalts samt traumatisierter Klientel vor amerikanischen Geschworenentribunalen: «So scheute er sich nicht, solche Patienten auf der Bahre in den Gerichtssaal tragen zu lassen.» Bellis prozessuale Taktik und die entsprechenden Urteile bilden die Basis der US-Jurisdiktion über HWS, die sich heute nahtlos einfügt in das amerikanische System massloser Schadenersatzansprüche. Widmer: «Das Fehlen von objektivierbaren Befunden führte vor allem früher zu Fehlbeurteilungen und folglich zu Fehlurteilen. Nur so ist das Entstehen grosser, auf Autounfälle spezialisierter Anwaltsbüros in den USA erklärbar, welche sich mit einem Drittel der ausbezahlten Schadensumme ihre Bemühungen vergolden lassen.» In Europa gilt ein anderer Codex. Er hält die pekuniären Auswüchse im Zaum.
Umso erstaunlicher, dass die Autoindustrie beidseits des Atlantiks mit dem Thema HWS bisher ziemlich beiläufig umgesprungen ist. Allein die Tatsache. dass manche Hersteller grossgewachsenen Lenkern keine Kopfstützen mit adäquater Höhenverstellung anbieten, überschüttet die Branche nicht gerade mit Ruhm. Fühlt sie sich nicht zuständig, weil die meisten fahrenden Zeitgenossen ihre automobilen «Kopfkissen~ ohnehin unsachgemäss tief positionieren? - Die korrekte Regel lautet pro memoria: Oberkante der Kopfstütze auf gleicher Höhe mit dem Scheitelpunkt des Kopfs.
Die Schweden machen's vor
Besorgter als andere Autobauer über den Insassenschutz waren die Schweden. Eine gezielte Eliminierung oder zumindest Dämpfung des Beschleunigungstraumas bezweckt das Fahrer und Mitfahrersitz-System WHIPS, das Volvo 1998 in der neuen Limousine 580 lancierte und demnächst auch den andern Modellreihen serienmässig spendiert. Bei WHIPS bewegt sich nach einer Aufprallkollision der obere Teil der Rückenlehne in Sekundenbruchteilen nach oben und vorne, um Halswirbelsäule und Kopf zu fixieren. Gleichzeitig kippt die Rückenlehne um 15 Winkelgrad nach hinten und hält den Körper. Eine Rückenpolsterpartie federt ab und verhindert Katapulteffekte. WHIPS verringert den Druck auf Hals und Wirbelsäule um rund 5O Prozent. Nach unfallbedingter Aktivierung lässt sich das System, das mit dem Volvo-Seitenaufprallsystem SIPS «kooperiert», einfach und kostengünstig reparieren.
Saab, der andere skandinavische Autobauer, propagiert seinerseits das System SAHR - eine Lösung, die im Gegensatz zu WHIPS nur den Kopfstützenteil aktiviert, bevor die Aufprallkräfte wirksam werden. Weniger komplex als die Volvo-Mechanik, dafür voll reversibel, bleibt der SAHR-Sitz der schwedischen General-MotorsTochter stets einsatzbereit. Im GM-Konzernverbund profitieren neuerdings auch die Rüsselsheimer von der Aktivkopfstütze: Die Opel-Modelle Vectra und Omega werden serienmässig damit versehen, der Astra kann auf Wunsch entsprechend ausgerüstet werden. Befriedigt konstatiert Unfallforscher Wolfram Hell: «Die bei Opel eingesetzten aktiven Kopfstützen sind ein wichtiger Schritt eines Grossserienherstellers in die richtige Richtung.» Weitere Schritte sind indes notwendig, ausgehend von einer banalen Frage: Was gedenken die Autoproduzenten in Sachen «HWS-Abwehr» eigentlich für die Fondpassagiere vorzukehren?
Im Reich der Weichteile
Keine Sitztechnik kann freilich perfekt genug sein, um den Medizinern das Problem Beschleunigungstrauma ganz vom Hals zu schaffen. Erweist sich der körperliche Schaden im wahrsten Sinne des Wortes als hartnäckig, kommt ein ganzes Bündel von Massnahmen zum Tragen - beispielsweise die radiologische Untersuchung von Kopf- und Halspartien, die freilich selten mehr als Knochen- und Knorpelverletzungen aufs Röntgenbild projizieren.
Weichteilblessuren fördern Magnetresonanzuntersuchungen zuverlässiger zutage: sie sind spätestens dann angezeigt, wenn Patienten über Wahrnehmungsstörungen klagen. Aus Kostengründen können sie indes kein Instrument diagnostischer Routine sein. Neurologen und Ingenieure scheuen zwar keine Mühe, statische und dynamische Nachweismethoden per Computer und Tomograph zu ergründen und sich auf Kongressen und über Fachliteratur Gehör zu verschaffen. Aber der (Chiro-) Praktiker hat dafür wenig übrig: «Akademische Spielerei», meint Max Widmer. !
HWS zu erkennen und zu kurieren, brauche Fachkompetenz, Erfahrung und Geduld, lautet sein allgemeiner Befund. Schnelle, aber sanfte Mobilisation auf chiropraktischer Ebene sei in der Regel angezeigt und prompt wirksam. Die ominöse «Halskrause» sollten Schleudertraumatisierte bestenfalls kurzzeitig tragen, da der bewegungshemmende Kragen schon nach zwei Tagen die Muskelrückbildung fördert. Möglichst schnell zur normalen Aktivität zurückkehren, verspannte Nackenmuskeln lockern, den Patienten über die in der Regel folgenlose Ausheilung eines Schleudertraumas aufklären, bei Anfangsbedarf schmerzlindernde und entzündungshemmende Präparate verschreiben - so glaubt Widmer der Zivilisationskrankheit HWS am besten beikommen zu können.
"Glaube an die Selbstheilung"
Jener bedauernswerten Minderheit aber, die auch Monate oder Jahre nach dem Unfall nicht beschwerdefrei leben kann, rät der Fachmann nicht paramedizinischer Scharlatanerie aufzusitzen. Wo keine gezielte, empirisch abgestützte Therapie stattfinde, könne der Leidenszustand chronisch werden - Endstation: Invalidisierung. Der verunsicherte Langzeitpatient, so Widmer, brauche nachhaltige Führung und Beratung durch den Arzt. Ausserdem: «Die beste Hilfe ist und bleibt der Glaube an die Selbstheilung.
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