Kopfweh hat viele Ursachen - Zwei ungewöhnliche Fälle
Der Chiropraktor als Diagnostiker
Von Dr. Max Widmer, Chiropraktor (2/99)
"Weh" im Kopf oder Kopfweh ist keine Diagnose, sondern ein Zeichen verschiedener Funktionsstörungen, die nicht unbedingt ihre Ursache "im Kopf " haben müssen. Aus meiner langjährigen Praxistätigkeit möchte ich jetzt über zwei meiner interessantesten und recht ungewöhnlichen Fälle berichten:
Fall 1 : Kopfweh aus dem Bauch
Eine 67jährige ehemalige Arztgehilfin wird mir von einem Neurologen zur chiropraktischen Behandlung ihrer Kopfschmerzen überwiesen. Die nette Frau leidet seit über fünf Jahren an chronischen Kopfschmerzen. Deswegen wurde sie vom Hausarzt während Jahren mehrmals untersucht und mit verschiedenen Medikamenten erfolglos behandelt. Spezialärztlich wurde sie in zwei Zürcher und einem Aargauer Spital stationär während zwei bzw. einer Woche untersucht. Ausser einer stabilen Hypertonie (Bluthochdruck) konnte keine genauere Diagnose erstellt werden. Der vom Spital konsiliarisch zugezogene Neurologe überwies mir die Frau zur chiropraktischen Behandlung, weil er eine gestörte Wirbelgelenkfunktion der HWS (Halswirbelsäule) vermutete und wie er meinte alle bisher durchgeführten Abklärungen o.B. (ohne Befund) waren.
Bei der genauen Befragung der Patientin konnte ich keine für das klinische Bild bedeutsamen Daten erhalten. So begann ich mit der physikalischen Untersuchung der Patientin im Liegen. Bei der Palpation (Tastbefund) des (Abdomens) Bauches nahm ich im Oberbauch links eine Verhärtung in der Grösse eines Kleinkindkopfes wahr. Ich fragte die Patientin, ob ihr der Druck etwas weh mache und ob sie dies schon lange spüre. Die Frau sagte, dass sie diesen Druckschmerz schon vor fünf Jahren verspürt und ihren Hausarzt darauf hingewiesen habe. Dieser habe damals angenommen, dass der Schmerz vom "Rücken" komme. Als sie ihm dann geantwortet habe, dass sie in diesem Fall zu mir in Behandlung gehen wolle, habe er ihr dies mit dem Hinweis, dass Sie auf gar keinen Fall zu mir kommen dürfte, da sonst ihre Beschwerden nur noch schlimmer würden, nicht erlaubt.
Wegen einem bestimmten Verdacht liess ich in der Folge eine Abdomenleeraufnahme (Röntgenaufnahmen des Bauches) erstellen.
Das Röntgenbild bestätigte meine Vermutungsdiagnose eines sehr grossen ( 8cm Durchmesser) Aneurysmas (Ausbuchtung) der Bauchaorta (Bauchschlagader - im Röntgenbild sind die Umrisse rot gekennzeichnet). Deshalb palpierte ich noch einmal den Oberbauch der Patientin, wobei ich dieses Mal tatsächlich auch die starke Pulswelle der ausgebuchteten Bauchaorta feststellen konnte.
Im Anschluss an den Untersuch überwies ich die Patientin notfallmässig nach Zürich zur Operation ihres lebensbedrohlichen Aortenaneurysmas.
Aneurysma = umschriebene Ausweitung der Wand eines arteriellen Blutgefässes einschliesslich des Herzens
Aortenaneurysma= Blutsackbildung der Bauchschlagader
Ursache eines Aneurysma der Aorta abdominalis
Ein Aneurysma ist vorwiegend arteriosklerotisch bedingt und beispielsweise mit einer Hypertonie (Bluthochdruck), koronarer Herzkrankheit, zerebrovaskulärer Insuffizienz (verminderte Hirndurchblutung) und Niereninsuffizienz ( verminderte Nierenfunktion) verbunden. In 60 % der Fälle macht ein Aneurysma der Bauchaorta unbestimmte Bauch- und Rückenbeschwerden. In 40 % der Fälle haben die Patienten trotz Bauchaortaaneurysma keine Beschwerden.
Woher kommt der Schmerz, falls dieser überhaupt vorhanden ist ?
Der Schmerz entsteht durch die Wanddehnung der Aorta.
Die Schmerzprojektion ist für die Diagnose - gerade in einer Chiropraktorenpraxis - von grosser differentialdiagnostischer Bedeutung. (Oberbauch, obere LWS (Lendenwirbelsäule), Skrotum (Hodensack) und Oberschenkel).
Meine Patientin zeigte keine der obengenannten diffusen Symptome eines Aortenaneurysmas. Die Kopfschmerzen waren die Folge der hämodynamisch problematischen cerebralen Mikrozirkulationsstörung (Hirndurchblutungsstörung). Anders ausgedrückt: Das Hirn wurde zuwenig gut mit Blut versorgt, da durch die sackförmige Ausdehnung der Bauchaorta (Blutsackbildung) der normale Blutkreislauf massiv beeinträchtigt wurde.
Gefahr droht !
Bei grossen Aneursyma der Bauchaorta droht immer die Gefahr einer Ruptur (Risses, Platzen eines Blutsackes), was zu einem schnellen Tod führen kann. So sind akute Schmerzen im Abdomen (Bauch) oder Rücken mit Ausstrahlung in die linke Flanke oder Leiste absolute Zeichen einer sofortigen Operation.
Operation
Zuerst wird ein grosser Bauchschnitt durchgeführt. Dann wird der Blutsack eröffnet. Anschliessend wird eine Rohrprothese implantiert. Falls auch die Beckenarterien betroffen sind, wird eine sogenannte umgekehrte Y-Rohrprothese implantiert. Die Dauer des Spitalaufenthaltes beträgt ca. drei Wochen.
Überlebensstatistik
Eine Aneursymaresektion ( Entfernung des Aneurysmas ) kann die Überlebenszeit deutlich verlängern. 50% aller Unbehandelten sterben an einer Ruptur des Gefässwandsackes. Die Letalität (Tod) erhöht sich wegen der Perforationsgefahr mit zunehmender Grösse des Aneurysmas. So beträgt sie über 70 % bei einem Durchmesser der Aorta von 7cm und mehr. Bei meiner Patientin war der Durchmesser grösser als 8cm !
Glückliches Ende
Die nette Patientin konnte dank des notfallmässigen Eingriffes noch 19 Jahre weiter leben, hatte nie mehr Kopfschmerzen (!) und starb leider letztes Jahr 86jährig. Sie war seit ihrer erfolgreichen Operation langjähriges Mitglied des Aargauer Vereins Pro Chiropraktik.
PS: Eine chiropraktische Behandlung der Halswirbelsäule hätte dem "Kopfweh" dieser Patientin sicher nicht geholfen. Wertvolle Zeit wäre unnötig verstrichen und die Frau wäre mit grosser Wahrscheinlichkeit frühzeitig verstorben. Dass es nicht soweit kam ist in erster Linie der guten Ausbildung und Fachkompetenz, die die Schweizer Chiropraktorinnen und Chiropraktoren auszeichnet, zu verdanken.
PPS: Dass Rauchen ungesund ist, wissen wir alle. Gerade bei Hypertoniker, Diabetiker und älteren Menschen hilft Nikotin als Zellgift einen solchen zerstörerischen Prozess, wie dies beim Bauchschlagaderaneurysma der Fall ist, zu beschleunigen. Pro Aere, die schweizerischen Gesellschaft für rauchfreie Luft und gegen die Tabaksucht, hilft Rauchern und Nichtrauchern.
Fall 2 : Kopfweh aus dem Hals
Ein 62jähriger Elektroingenieur suchte mich vor ca. 10 Jahren wegen hämmernden Kopfschmerzen, welche in der rechten Schläfenregion auftauchten und bereits seit drei Jahren bestanden, auf. Seine Kopfschmerzen waren zu diesem Zeitpunkt bereits von seinem Hausarzt, einem Neurologen und stationär in einem Spital fachärztlich untersucht und therapiert worden. Durch einen Bekannten fand er den Weg in meine Praxis.
Bei der Befragung des Patienten zeigte sich recht bald, dass es sich hier nicht um ein banales Kopfweh handeln konnte. Zu stark waren die heftigen Kopfschmerzen und zu unklar der übrige Untersuch. Da beschloss ich mit dem Doppler-Ultraschall den Durchfluss der Halsgefässe zu prüfen, so gut dies mit meiner bescheidenen Ausrüstung möglich war. Zu meiner grossen Überraschung wurde ich bereits in kurzer Zeit fündig. Denn beim Untersuch der rechten Kopfschlagader (A. carotis comm. - in der Grafik mit dem blauen Pfeil gekennzeichnet) stellte ich - im Gegensatz zur linken Kopfschlagader - ein vollständiges Fehlen des arteriellen Durchflussgeräusches fest. Dieser Befund eines Verschlusses (Stenose - in der Grafik mit einem roten Punkt dargestellt) einer so wichtigen Arterie interpetierte ich als Notfallbefund und schickte den Mann umgehend per Taxi zur gefässchirurgischen Revision. Nach vier Monaten erschien der Mann wieder bei mir und bedankte sich für meine korrekte Diagnose und die notfallmässige Zuweisung zur Operation. Fast könnte man ein Happy End vermuten. Doch zwölf Monate später erlitt der Mann erneut einen akuten Verschluss und wurde bewusstlos ins Spital eingewiesen und ein zweites Mal operiert. Davon erfuhr ich nur durch Zufall, als mir ein Professor vom erfolgreichen zweiten Eingriff erzählte.
Doppler-Ultraschall:
Doppler-Ultraschall gehört zur Ultraschalldiagnostik und wird auch als Dauerschallverfahren bezeichnet. Dabei sendet ein piezoelektrischer Kristall (>Piezoelektrischer Effekt: Bei Einwirkung von Druck oder Zug auf bestimmte Kristalle tritt an den Oberflächen eine elektrische Spannung auf) kontinuierliche Ultraschallwellen von konstanter Frequenz aus. Trifft das Schallwellenbündel auf eine sich bewegende Grenzfläche, so wird ein Teil der Wellen mit geänderter Frequenz (Doppler-Effekt) reflektiert. Die Interferenz der Frequenzen des einfallenden und des reflektierenden Strahls ergibt einen niederfrequenten Ton. Dieser Ton wird durch Verstärkung hörbar gemacht.
Schlussfolgerung aus den beiden Fällen:
- Als Chiropraktor stellt sich täglich bei jeder Patientin oder bei jedem Patienten immer wieder die Frage nach der Ursache der Beschwerden.
- Die Erfahrung zeigt, wie auch die vorliegenden zwei Beispiele, dass der Chiropraktor selbständig zu einer Diagnose gelangen muss und jede bereits gestellte Diagnosen professionell und kritisch hinterfragen sollte.
- Im Gegensatz zur vorgefassten Meinung der Öffentlichkeit, eines Teils der Ärzteschaft und oft auch der Medien, steht für den Chiropraktor nicht die chiropraktische Behandlung, sondern die chiropraktische Diagnostik im Vordergrund. Denn nur eine richtige Diagnose erlaubt auch eine korrekt durchgeführte chiropraktische Therapie.
Lesen Sie dazu auch "Keine Behandlung ohne Diagnose".
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