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Keine Behandlung ohne Diagnose

Von Dr. Max Widmer, Chiropraktor (3/97)

Der Titel " Keine Behandlung ohne Diagnose " scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein. Das dem nicht so ist, zeigt sich in meiner fast dreissigjährigen Praxistätigkeit mehrmals wöchentlich. Begünstigt wird das "Therapieren" ohne Diagnose noch dadurch, dass Alternativ -"Medizin" im Trend der Zeit ist und die Krankenkassen aus Konkurrenzgründen die unmöglichsten Therapien durch die Zusatzversicherung (solange diese noch ein Geschäft für die Krankenkassen sind) teilfinanzieren. Dies gibt den verschiedenen Anbietern, die weder eine Berufsausübungsbewilligung noch irgendeine qualifizierte naturwissenschaftliche Ausbildung haben, die Gelegenheit sich als Partner der Krankenkassen zu profilieren. Ein gutes Beispiel liefern dazu die Atlaslogisten. (Siehe Thema des Monates Januar) Leider machen es sich die kantonalen Gesundheitsdepartemente sehr einfach. Sie schreiten erst ein, falls sich ein Kläger findet.

Einen interessanten Fall erlebte ich bei meiner Patienten O.N. im Jahre 1977. Sie kam zu mir wegen akuten Kreuzschmerzen, nachdem die hausärztliche Therapie nicht den erwünschten Erfolg brachte. Beim klinischen Untersuch des Patienten, zu dem auch die Inspektion des Patienten gehört, entdeckte ich als Nebenbefund eine leichte Gesichtskoliose.(Krümmung des Gesichtes) Der Untersuch der Beweglichkeit der Halswirbelsäule zeigte folgendes:

Rotation nach rechts 50°, nach links 60°
Neigen nach rechts 30°, nach links 40°

Mässige Vorneigehaltung des Kopfes. Schiefhaltung nach links mit stark spannendem Sternocleidomastoideus(Brustbein-Schlüsselbeinmuskel). Verspannt ist vor allem die claviculäre (Schüsselbein) , weniger die sternale (Brustbein) Portion. Auf Befragen gibt die Patientin an, dass sie schon lange das Gefühl gehabt habe , es sei da etwas nicht in Ordnung, doch habe dies nie jemand wahrgenommen. Sie habe bis heute versucht damit zu leben.


Vor der Operation




Nach der Operation

Nachdem die Patientin von ihrem Rückenleiden geheilt wurde, veranlasste ich eine Untersuchung in einem Kantonsspital. Hier wurde sie erfolgreich wegen ihrem angeborenen Schiefhals operiert. In Allgemeinnarkose wurde der verkürzte Halsmuskel ((im oberen Bild rot bezeichnet) beim klavikuläre Teil des Sternocleidomastoideus und der Ansatz am Processus mastoideus (im oberen Bild mit gelben Pfeilen gekennzeichnet)) durchtrennt. Man sieht. dass sich nach der Operation die Halswirbelsäule "aufrichten" kann und in einer Streckhaltung erscheint. Frau O.N. kann heute dank dieser Operation den Kopf wieder frei bewegen.

Fazit: Der Chiropraktor diagnostiziert und therapiert. Zu einer Diagnose gehört bei ihm eine umfassende Analyse des ganzen Bewegungsapparates. Untersucht wird also nicht nur der schmerzhafte Körperteil, sonder der gesamte Mensch. Man könnte meinen, dass dies selbstverständlich ist. Meine Erfahrung zeigt aber, dass noch immer viel zu oberflächlich untersucht wird. Ein Grund könnte der sein, dass "Therapieren" besser bezahlt ist, als "Diagnostizieren".



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