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Alternative Heilmethoden, und was man davon halten soll

Von Dr. Max Widmer, Chiropraktor (11/98)

Die Schulmedizin, die Gesundheitsdirektion, die Politiker und Politikerinnen und die nach Beschwerdefreiheit Suchenden sind herausgefordert: Heilanpreisungen aus dem Bereiche der alternativen Heilmethoden werden mit immer raffinierteren Verkaufsmethoden angepriesen. Warum, so fragt man sich, werden diese in den Print- und elektronischen Medien nicht nach ihrer Wirkung und Wahrheitsgehalt hinterfragt ? Warum werden zum gesundheitlichen Schutz der Bevölkerung nicht die kantonalen Gesundheitsgesetze vollzogen? Warum unterstützen die Krankenkassen mit der Zusatzversicherung eigenartige Therapien?

Schweiz ein Gesundheitsmarkt

Heute ist die Gesundheit ein Geschäft geworden, von welchem fast alle profitieren: die Anbieter, die medizinischen Journalisten, die Werber, die Zeitungs- Radio- und Fernsehbesitzer, die Verbandsjuristen, die Lobbyisten, die Politikerinnen und Politiker, die Krankenkassen und die begehrlichen Konsumenten. Leiden tut der Kranke, der nach echter Hilfe sucht.

Politik

Das gut ausgebaute Sozialnetz der Schweiz führt zu immer mehr Begehrlichkeit. Die von den eidgenössischen Räten und dem Bundesrat in die neue Bundesverfassung eingefügten "Sozialziele" werden noch mehr Begehrlichkeiten wecken. Selbstverantwortung und soziale Verantwortung für den Mitmenschen (Familienhilfe und Nachbarschaftshilfe) sind "out".

Krankenkassen

Der Konkurrenzkampf der Krankenkassen führt zu einem immer härter werdenden Verdrängungskampf. Die Zusatzversicherung wird als marktpolitisches Instrument missbraucht. Die Kassen übertrumpfen sich mit immer günstigeren Angeboten auf der Suche nach immer jüngeren, gesunden und somit kostengünstigen Kunden. Kassen bezahlen Fitnessabonnemente und einen Anteil an sogenannte alternative Heilmethoden, deren Wissenschaftlichkeit nicht überprüft wird. Dadurch werden Heilung suchende Kranke von den Kassen irregeführt. Alternative Anbieter werden kaum auf ihre Ausbildung und Qualität überprüft. Eine solide naturwissenschaftliche Ausbildung fehlt in den meisten Fällen.

Die alternativen Anbieter

Der Wohlstand, das gut ausgebaute Sozialnetz, der Verdrängungskampf der Krankenkassen, die immer zunehmendere Verunsicherung der Gesellschaft und damit der Wunsch nach spiritueller, esoterischer Nahrung, die Medienberieselung mit medizinischem Infotainement, der Ruf nach mehr als "traditioneller" Schulmedizin führt zu einem Boom von Heilern aller Arten. Heute wollen immer mehr "Therapeutinnen" und "Therapeuten" auf die "Therapeutenliste" der Krankenkassen, was finanziell recht einträglich sein kann. Der Satz , "Von der Krankenkasse X anerkannt", wird gerne in den Anzeigen verwendet, da dieser für die Heilung Suchenden (zu Unrecht) eine wissenschaftliche Anerkennung dieser Tätigkeit suggeriert.

Die Schweiz ein Supermarkt der Begehrlichkeit

Im Gegensatz zur Schweiz herrscht in England schon lange eine Zweiklassenmedizin. Es fehlen 14,000 Krankenschwester, Spitalbedarfsartikel und Kniepatienten warten bis 2 1/2 Jahre auf den Operationstermin. Und in der Schweiz beklagt man sich in den Spitälern über das Essen und verlangt immer mehr Zusatzleistungen von den Krankenkassen.

Der Wandel der Schulmedizin

Die "traditionelle Medizin" entspricht immer der Medizin eines Landes oder einer Region. Je ärmer diese sind, um so traditioneller ist deren Medizin. Die traditionelle Medizin wird in China beispielsweise als "traditionelle chinesische Medizin" bezeichnet. Unsere traditionelle Medizin , die "Schulmedizin", steht in einem Wandel. Die verunsicherten Menschen, deren Flucht in spirituelle Therapieformen, Ärzteüberschuss, Patientenmangel, Krankenkassenkonkurrenz und Gesundheitswerbung führen zu einem Umdenken. Wir stehen am Anfang einer neuen Schulmedizin.

Was ist komplementäre Medizin ?

Sie wird auch als Ergänzungsmedizin oder Additivmedizin bezeichnet. Für die Schweiz gelten ab 1.Juli 1999 die Akupunktur, Anthroposophie, Homöopathie, Neuraltherapie und die Phytotherapie als komplementäre Medizin und wird neu von der Grundversicherung der Krankenkassen bezahlt.

Was ist alternative Medizin ?

Eine allgemein anerkannte Definition der "Alternativmedizin" gibt es nicht. Es ist ein Sammelbegriff verschiedenster Heil- und Diagnoseverfahren, die sich im Gegensatz zur traditionellen "Schulmedizin" weitgehend nicht-invasiver und natürlicher und auch psychologischer Verfahren bedienten. ( ROCHE Lexikon 1993) Die Alternativmedizin sieht sich als Alternative zur "naturwissenschaftlich" begründeten (Schul)Medizin und schmückt sich mit klangvollen Attributen wie "natürlich, ganzheitlich, sanft". Damit soll der Patientin die Angst genommen werden, sie soll sich angenommen fühlen und Befürchtungen vor potentiellen Nebenwirkungen sollen gelindert werden. "Naturheilkunde" oder "Erfahrungsheilkunde" sollen ein naturheilkundliches Verfahren als harmlos und positiv suggerieren.

Beispiele alternativer Therapien

Aromatherapie Bioenergetik Verhaltenstherapie Jin Shin Do Colon-Hydrotherapie
Augendiagnose Farbtherapie Reiki Shin-Tai Früchtekuren
Haardiagnose Musiktherapie Rebalancing Sumathu, Tanztherapie u.s.w.

Allen sog. Alternativen Therapien ist eines gemeinsam: sie sollen das körperliche und seelische Gleichgewicht "ausbalancieren" helfen. Erfolge mit solchen Therapien sind durchaus möglich. Sie beruhen jedoch nicht auf der von den alternativen Therapeuten propagierter Wirkung. Die Heilwirkung beruht einzig und allein im Glauben an die Wirkung durch den Heilsuchenden.

Gefahren der alternativen Medizin

Meistens besteht bei den Anbietern nur eine ungenügende naturwissenschaftliche Ausbildung und auch keine Qualitätskontrolle. Heilung Suchende werden oft durch die " Macht als Gefahr beim Helfer "verunsichert. Wo nicht geklagt wird, gibt es auch kein Gesetz und keinen Richter.

Warum brauchen Menschen heute eine "andere Medizin"?

These: Wir können weder als Kind, in der Schule oder am Arbeitsplatz unsere Träume ausleben. Wir sind nicht frei. So entstehen Funktionsstörungen des Körpers, der Seele und Psyche. Wir sehnen uns immer mehr nach Hilfe, Geborgenheit und nach einem Freiraum. "Traditionell" ausgebildete Mediziner und das "Bodenpersonal" der Landeskirchen können uns nicht helfen, da die einen nur das vermeintliche Körper- und die anderen das Seelenproblem zu verbessern versuchen.

Was ist die andere Medizin ?

Die "andere Medizin" ist die bewusste oder unbewusste Suche nach Körper- Geist und Seelenhilfe. These: Wir werden krank, wenn Körper, Geist und Seele aus dem Gleichgewicht geraten. (Indianer, Chinesen) These: Eine Heilung kann dann eintreten, wenn wir bereit sind, uns zu öffnen, Verantwortung zu tragen und unsere Lebensweise zu ändern.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

Je älter wir werden, desto mehr suchen wir nach dem Sinn des Lebens. Dabei werden wir umso zufriedener, je mehr wir erkennen, dass nicht das Haben, sondern das Sein der Sinn des Lebens ist. Von einem Patienten haben ich dazu folgender sinniger Text bekommen: Lerne die grösste Kunst auf Erden, Macht es Dir noch so Pein: Lerne mit dem Älter werden- Langsam wieder nichts zu sein.

Der Glaube hilft und halbiert die Zeit im Krankenhaus

Die Medizin hilft, weil wir daran glauben: Ungefähr jedes dritte Medikament hilft, weil wir es von ihm erwarten. Am besten wirken die roten Pillen, dann die blauen und endlich die mehrfarbigen Kapseln. Dies zeigte ein Resultat eines Blindversuches mit Scheinmedikamenten (Placebos). Dabei funktionieren die Placebos am besten, wenn Arzt und Patient daran glaubt! Dreiviertel aller Erkrankungen sollen zudem von selber sich bessern, meint Dr. P.Bügel, von der Universität Gröningen anlässlich eines Placebo Seminars. So können im Hirn körpereigene Morphine, sog. Endorphine, ausgeschüttet werden. Gemäss dem Münchner Psychologen Dieter Frey bestimmt der Glaube an eine Heilung die Länge des Aufenthaltes eines Patienten im Krankenhaus. Nicht die Schwere der Verletzung, sondern die Einstellung bestimmt, wie schnell ein Mensch nach einem Unfall wieder gesund wird. Frey stützt sich auf eine Untersuchung, welche er an 300 Patienten einer Unfallklinik durchführte.

Placebo = Scheinmedikament

1979 wurde durch die Firma Ciba Geigy das Rheumamittel "Voltaren" eingeführt. Eine multizentrischen Doppelblindstudie sollte dabei die überlegene Schmerzstillung beweisen. In der Tat fühlten sich aber 62% der Patienten, welche das Placebo eingenommen hatten, nach einer Zeitdauer von drei Wochen deutlich besser ! (gegenüber 82% der Patienten, welche das neue Rheumamittel einnahmen)

Warnung vor spiritueller Heilung

Spirituelle Heilmethoden, welche oft an ein Glaube an ein Wunder einhergehen, werden oft als "Göttliche Natur", als "Göttliches Allmachtsprinzip", als "Göttlicher Mechanismus" oder als "tiefgläubiges Gebet" verkauft. Spirituelle Heiler und Magnetopathen sind oft mehr Geldsammler als Heiler. Spirituelle Heilung kann auch abhängig machen.

Der richtige Weg

Der richtige Weg ist es an sich selber zu glauben. Damit gelingt es uns auch die eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Alternative Heilmethoden (wie z.B. Meditation) können uns dazu eine Hilfe sein. Brauchen tun wir sie aber nicht.



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